Peter Ward/Joe Kirschvink: „Eine neue Geschichte des Lebens“

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Entgegen der Überlieferung der Bibel und kreationistischer Überzeugungen wissen wir heute, dass die Welt nicht in einer Woche etwa viereinhalb tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung entstand, sondern dass sich das Sonnensystem vor etwa fünf Milliarden Jahren aus einem rotierenden Gas- und Staubnebel konstituierte. Der größte Teil – 99% – dieses Nebels kollabierte zur Sonne, während das restliche eine Prozent die Planeten bildete, die seitdem um die Sonne kreisen.

Mit der Bildung des „Protoplaneten Erde“ beginnt dann auch das vorliegende Buch, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt noch kein Leben auf dem jungen Planeten gab. Doch die ersten Voraussetzungen wurden bereits zu diesem Zeitpunkt geschaffen. Die Kollision mit einem anderen Protoplaneten führte nicht nur zu einer Verschmelzung der beiden Planeten, sondern sorgte auch die Entstehung des Mondes aus der bei der Kollision ausgeworfenen Masse. Dieser Mond kreiste in den ersten Milliarden Jahren wesentlich dichter und schneller um die Erde als heute und führte zu Gezeiten, die eher einem rasenden Tsunami glichen. Das wiederum hatte zur Folge, dass sich Organismen, die sich zuerst im Meer gebildet hatten, in schnellem Wechsel auf dem Land und wieder im Meer wiederfanden; die Selektion der Evolution machte aus diesen „Zwitterwesen“ dann irgendwann überlebensfähige Landpflanzen.

Diese erste große Katastrophe auf dem Planeten „Erde“ steht exemplarisch für die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten und damit auch für dieses Buch. Die beiden Autoren stellen dabei die an vielen Beispielen belegte Behauptung auf, dass sich das Leben in einer Art Paradoxon aus großen Katastrophen mit jeweils folgendem Massensterben entwickelt habe. Das widerspricht dem lange in der Wissenschaft gepflegten „Uniformitarianismus“, der annahm, dass sämtliche Änderungen der geologischen und biologischen Umwelt sich aus der Summe vieler kleiner Einflüsse über lange Zeiträume ergeben. Diese Einstellung war sicher nicht zuletzt auf religiöse Bindungen auch der Wissenschaftler zurückzuführen, die sich eine katastrophische Weiterentwicklung allen Lebens als Prinzip einer göttlichen Schöpfung nicht vorstellen konnten und wollten.

Die zunehmende Fähigkeit, alte Gesteinsschichten zu untersuchen, zu analysieren und zeitlich einzuordnen, hat jedoch gerade in den letzten fünfzig Jahren zu gewaltigen Erkenntnisfortschritten geführt. Aus diesen Erkenntnissen schließen die beiden Autoren, dass sich das Leben sozusagen an großen Katastrophen „hochgehangelt“ habe, denn nach jeder Katastrophe hätten sich für die – aus welchen Gründen auch immer – überlebenden Lebensformen geradezu paradiesische Ausbreitungsbedingungen ergeben, die zwangsläufig zu einer Explosion der Artenvielfalt geführt hätten. Diese „Explosion“ erfolgte natürlich nicht in uns vertrauten „historischen“ Zeiträumen, sondern nahm Millionen wenn nicht auch Dutzende von Millionen Jahre in Anspruch. Doch angesichts der erdgeschichtlichen Zeiträume sind das vernachlässigbare Verzögerungen bei der Weiterentwicklung des Lebens. Allen Unkenrufen über Artensterben zum Trotz stellen die beiden lapidar fest, dass die Artenvielfalt in keiner Periode der Erdgeschichte höher gewesen sei als heute.

Dabei sahen die Katastrophen sehr unterschiedlich aus und folgten – wie es solche Ereignisse halt tun – keinem logischen Plan. Planetare Kollisionen fallen genauso darunter wie plötzliches Sauerstoffangebot oder -knappheit und Asteroideneinschläge. Eine eher konservative Fraktion unter den Geologen zählt fünf Katastrophen – „The Big Five“ -, die Autoren ziehen eine etwas weiter gehende Definition vor und landet bei zehn. Das hängt davon ab, welchen Prozentsatz man bei der Auslöschung der lebenden Arten als Maßstab anlegt.

Nach der großen Anfangskatastrophe der Planetenkollision folgte eine lange Zeit ohne Leben, da sich die Erde erst abkühlen musste, um flüssiges Wasser und damit Wasser zu ermöglichen. Die Atmosphäre war mit Kohlendioxyd gesättigt, der Treibhauseffekt hoch, und Sauerstoff gab es nicht. So entwickelten sich Mikroorganismen, die Kohlendioxyd und Methan „verbrauchten“. Als sich jedoch die Photosynthese vor etwa 2,5 Milliarden Jahren entwickelte, setzte gleich zu Beginn eine Massensterben ein, da der dabei entstehende Sauerstoff ein Gift ist, gegen das die damaligen Lebewesen kein Mittel hatten. Der zunehmende Sauerstoff verringerte den Anteil von Kohlendioxyd und Methan automatisch und damit auch den Treibhauseffekt. Mit dem Sauerstoff setzte also eine starke Vergletscherung des gesamten Planeten ein, die zusammen mit dem giftigen Sauerstoff zu dem ersten und gleichzeitig größten Massensterben  – über 90% aller Arten – führte. Bis heute diskutieren die Wissenschaftler allerdings die Frage, wie Sauerstoff ohne Photosynthese entstehen könnte, denn die für die Photosynthese verantwortlichen Cyanobakterien mussten ja bereits über einen Schutz gegen den erst von ihnen erzeugten Sauerstoff verfügen. Die Autoren schlagen sich auf die Seite einer sehr komplizierten – und den Rahmen der Rezension sprengenden – Lösung dieser „Henne und Ei“-Problematik, die ihrer Meinung nach jedoch die größten Aussichten auf Bestand hat.

In diesem Stile geht es in der Erdgeschichte weiter, nur dass sich die Verhältnisse wieder einmal umdrehten. Denn nachdem (oder weil) die überlebenden Arten eine Sauerstoffresistenz entwickelt hatten, konnten sich neue Arten entwickeln, die ihr Leben auf eben diesem bis vor kurzem noch tödlichen Gift sowie auf kühlen Temperaturen aufbauten. Als dann durch tektonische Verschiebungen und großflächige Vulkanaktivitäten der Kohlendioxydanteil wieder wuchs und der Treibhauseffekt einsetzte, litten die neuen Lebewesen unter plötzlichem Sauerstoffmangel, denn in einer extremen Treibhauswelt fielen viele Pflanzen Waldbränden zum Opfer und die Atmosphäre änderte sich durch die Aufspaltung der Landmassen signifikant. Das nächste Aussterbeereignis war vorprogrammiert.

So erfuhr das Leben auf der Erde durch scheinbar katastrophale Entwicklungen bis in die späte Kreidezeit Entwicklungsschübe, die stets mit einem Massensterben begannen. Das letzte Ereignis der „Big Five“ kam dann in Gestalt eines Asteroiden wieder von außen. Am Übergang von Kreidezeit zu Tertiär – etwa vor 65 Millionen Jahren – führte der Einschlag eines Asteroiden im heutigen Mexiko zu einem Massenaussterben, unter dem vor allem die Dinosaurier litten. Warum vor allem die großen Tiere starben, lässt sich aus folgenden Überlegungen ableiten: nach dem Einschlag wurde Unmengen von Gestein in die Atmosphäre geschleudert, von wo sie stundenlang glühend heiß in großem Umkreis niederprasselten und riesige Waldbrände auslösten. Schon die dürften einen großen Teil der Pflanzen- und Fleischfresser getötet haben. Dann setzte eine gut einjährige Verdunkelung durch den hochgeschleuderten Staub ein, die nicht nur für eine deutliche Abkühlung sondern vor allem für ein zeitweises Aussetzen der Photosynthese sorgte. Der Rest der größeren Tiere verhungerte, und es blieben nur kleine Säugetiere, aus denen sich nach und nach unsere heutige Fauna entwickelte.

Nach Ward und Kirschvink hat das letzte Massenaussterben in der letzten Eiszeit (vor 20.000 bis 50.000) Jahren stattgefunden, als die Permafrostgrenze durch Südeuropa verlief und der Nordatlantik selbst im Sommer von dichtem Packeis bedeckt war. Das Autorenduo verweist auf die viel größere Gefahr solcher „natürlich“ herbeigeführter Katastrophen gegenüber Asteroideneinschläge, weil deren Wahrscheinlichkeit wesentlich geringer ist. Allerdings gilt auch bei diesen fast schon in historische Zeiträume hineinreichenden Massenaussterben, dass sie im Vergleich mit der Dauer eines Menschenlebens viel zu langfristig ausfallen, als dass sie bei Lesern unmittelbare Furcht auslösen könnten. Außerdem fürchten wir derzeit eher den Treibhauseffekt als geologische Ereignisse. Die Ironie der Geschichte könnte es aber dahin bringen, dass sich das nur von Trump und seinen Anhängern geleugnete Problem des anthrogenen Treibhauseffekts in einer aus ganz anderen Ursachen aufkommenden Eiszeit auflöst. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar nicht hoch und die Anzeichen nicht offenkundig, aber Ähnliches galt auch bei früheren Austerbeereignissen.

Die Autoren gehen am Schluss auf die Zukunft der Erde und des menschlichen Lebens ein und verzichten dabei dankenswerterweise angesichts der hier betrachteten Zeiträume auf Anklagen gegen die Menschheit, hat diese doch überhaupt nur einen winzigen Bruchteil der bisherigen Existenz des Planeten eine Rolle gespielt und wird es auch nur für einen kleinen Teil der künftigen Erdgeschichte tun. Spätestens in 500 Millionen Jahren wird die Erde unbewohnbar sein, und in mehreren Milliarden Jahren dann von der ins Unermessliche gewachsenen Sonne einfach verschluckt werden. Doch selbst die knappe halbe Milliarde, die der Erde noch als Lebensraum zur Verfügung steht, wird die Menschheit mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erleben. Das zeigen uns die zehn Massensterben, die bisher stattgefunden haben, und warum sollten ausgerechnet die Menschen das nächste Sterben – vielleicht in 10, 20 oder 30 Millionen Jahren – überleben, wenn sie sich bis dahin nicht selbst abgeschafft hat.

Das Buch“Eine neue Geschichte des Lebens“ ist in der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) erschienen, umfasst einschließlich Register 544 Seiten und kostet 29,99 Euro.

Frank Raudszus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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