Alfred Grosser: „Deutschland in Europa“

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Mit der politischen Wende in Europa im Jahre 1989 und der anschließenden Wiedervereinigung Deutschlands ist bei unseren europäischen Nachbarn die Befürchtung vor einer neuen Dominanz Deutschlands gewachsen, die auch ohne die verbrecherischen Auswüchse des Dritten Reiches ausreichend Zündstoff für zukünftige Konflikte beinhalten würde. Vor allem Frankreich hat von Anfang an solche Vorbehalte gehegt. Man mag als Deutscher kopfschüttelnd über diese unbegründete „Hysterie“ hinweggehen, versetzt man sich jedoch einmal in die Situation unserer Nachbarn und betrachtet uns mit den letzten 70 Jahren als geschichtlichem Hintergrund, dann wird diese Haltung schon verständlicher. Nun hat sich ausgerechnet ein Franzose deutsch-jüdischer Herkunft, Alfred Grosser, daran gemacht, die historische und aktuelle Situation Deutschlands in Europa aufzuarbeiten. Alfred Grosser ist als französischer Deutschland-Experte ausgewiesen, und es mag höchstens verwunderlich erscheinen, dass ausgerechnet ein Mitglied einer dermaßen von den Deutschen geschundenen Gemeinschaft ein so nüchternes und geradezu deutschlandfreundliches Bild zeichnet.

An den Anfang seiner Betrachtungen stellt Grosser die Identitätsfrage, die sich in Deutschland nach zwei verlorenen Kriegen, einer unsagbaren Schuld und einer jahrzehntelangen Trennung als besonders brisant erweist. Während unsere Nachbarn ein mehr oder weniger gesunder Nationalstolz auszeichnet, ist uns dieser weitgehend ausgegangen, und wir versuchen ihn zeitweise durch eine vage Europa-Euphorie zu ersetzen. Grosser erkennt und bezeichnet die besondere Befindlichkeit der Deutschen treffend und führt auch den mangelnden „Willen zur Macht“ darauf zurück.

Im folgenden Kapiteln beschäftigt sich Grosser mit der Rolle der europäischen Kultur – Musik und Literatur – als Kern einer europäischen Identität, ihrem Mißbrauch für politische Zwecke in allen europäischen Ländern und ihrem Potential für die Entwicklung einer echten Gemeinschaft. Ein eigenes Kapitel widmet er Deutschlands Rolle vor 1945, wobei er alte Vorurteile gegen den Strich bürstet – so die Kausalkette Wagner-Hitler – und eher geistige und politische Strömungen der letzten zwei Jahrhunderte aufgreift und auf ihre Relevanz für Europa untersucht. Dem schließt sich eine Analyse der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis 1990 an – Teilung, Hallstein-Doktrin, Mauerbau, Ostverträge. Die Nachzeichnung politischer Ereignisse ist ihm dabei weniger wichtig als ihre mittelfristigen Auswirkungen auf Deutschland und Europa.

Die letzten Kapitel behandeln die Situation nach der Wiedervereinigung, die Osterweiterung von NATO und EU mit all ihren schillernden Facetten sowie eine allgemeine Betrachtung der Sinnfrage nach Europa als wirtschaftlicher Interessengemeinschaft oder politisch-gesellschaftlicher Einheit. Am Schluß steht ein Appell für eine politische Ethik, die dem Ganzen einen Sinn gibt.

Das Buch steht würdig in der Tradition der französischen „clarté“, ohne Schwulst, Zeigefinger-Moral und Bitterkeit, mit einem ebenso nüchternen wie engagierten Engagement für eine wirkliche europäische Einigung. Der essayistische Stil überwiegt und läßt bisweilen den großen Bogen vermissen. Man merkt, daß dahinter aktuelle „Beiträge zur Zeit“ der jeweiligen Epoche stehen, die geglättet und zusammengefügt ein Buch ergeben. Gerade dieser essayistische Stil jedoch ermöglicht es jedoch, dieses Buch auch auszugsweise zu lesen, ohne den Zusammenhang zu verlieren.

Wer eine intelligente und vorurteilslose Analyse der jüngeren europäischen Geschichte in und um Deutschland sucht, sollte dieses Buch zur Hand nehmen.

Es ist im BelzQuadriga-Verlag erschienen (ISBN 3-88679-306-0) und kostet 39,80 DM.

Frank Raudszus

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