Intensives Zwiegespräch zwischen Saxophon und Klavier

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Beim Rheingau Musik Festival haben nicht nur die Bigbands – zum Beispiel die hr-Bigband mit Klaus Doldinger – ihre Auftritte, sondern auch kleinere Ensembles, die eher ein Insider-Publikum ansprechen. In diesem Rahmen gastierte am 14. Juli der Jazz-Pianist Michael Wollny zusammen mit dem norwegischen Saxophonisten Marius Neset. Das Konzert fand in der alten Lok-Halle in Mainz statt, deren spröde Fabrikarchitektur eine eigenwillige, kreative Atmosphäre ausstrahlt; genau das Richtige für ein Jazz-Konzert der besonderen Art.

Der Jazz-Pianist Michael Wollny

Wie Wollny selbst in seiner launigen wie souveränen Moderation seines eigenen Konzertes betonte, hatte er bei dieser Einladung darauf bestanden, den Abend nur mit Marius Neset zu bestreiten. Er musste schon viel von ihm halten, wenn er bewusst auf Schlagzeug, Bass und andere Instrumente verzichtete. Und das Spiel der beiden bewies, wie richtig er mit dieser Entscheidung lag, denn die beiden präsentierten geradezu ein Feuerwerk musikalischer Ideen und deren Interpretationen. Dabei spielte die Improvisation eine große Rolle, auch wenn es sich hierbei nicht um den sogenannten „free Jazz“ handelte, der keinerlei formalen Rahmen hinsichtlich Harmonien und Themen mehr kennt. Die beiden Ausnahme-Musiker spielten nur eigene Stücke, die sich bei aller Freiheit der Improvisation deutlich im tonalen Rahmen bewegten und über weite Passagen auch harmonische Strukturen zeigten, ohne gleich an Standards à la „REAL-Book“ zu erinnern. Trotz Einhaltung eines thematischen und harmonischen Rahmens verfielen die Stücke nicht der Wiedererkennbarkeit, die sich meist aus der Wiederholung und einfachen Umspielung vorgegebener Themen ergibt. Jede Komposition entwickelte bestimmte Themen im Laufe des Spiels, sozusagen aus der Situation heraus, was die Spannung für die Zuhörer erhöhte. Den klassischen Ansatz, anfangs ein Thema vorzustellen und dann darüber zu improvisieren, verfolgen diese beiden Musiker nicht, sondern sie bauen aus der Improvisation spontan musikalische Ideen auf und entwickeln diese dann gemeinsam weiter. Das erfordert natürlich ein hohes Maß an Zuhören und Eingehen auf den Partner. Dabei muss jede musikalische Figur, die einer der beiden entwickelt, eine gewisse Eigenständigkeit aufweisen, so dass sie der Partner als bewusstes Motiv erkennen und darauf reagieren kann. Die darunter liegende Komposition ist offensichtlich minimal und besteht wahrscheinlich nur aus den Harmonien für eine vorgegebenen Takte, denn die Notenpapiere, nach denen die beiden spielten, waren ausgesprochen sparsam.

Doch das macht den heutigen Jazz aus: man folgt nicht mehr komplizierten melodischen und harmonischen Formaten, wie man sie noch aus den REAL-Books kennt, sondern beschränkt sich auf ein minimales Format, das man dann möglichst freizügig interpretieren kann. Dabei spielten die beiden durchaus nicht nur die Skalen bzw. Harmonien rauf und runter, wie es in Improvisationen oft der Fall ist, sondern sie schufen aus diesem knappen Material sozusagen in Echtzeit abgeschlossene musikalische Werke, die jeweils einem eigenen Spannungsbogen folgten, mal virtuos und expressiv, mal introvertiert und sparsam.

Michael Wollny (piano)
Marius Neset (saxophone)

Am Anfang stand eine Reverenz an Marius Neset, nämlich dessen Komposition „Angel of the North“, das nach einem freien, elegischen Beginn in ein „Ping Pong“ der Themen zwischen den beiden Musikern überging. Schon hier fiel die spontane, fast unbewusste Abstimmung zwischen den beiden auf, die sich geradezu natürlich aus dem jeweiligen musikalischen Material ergab. Die zwanzigminütige Reise durch die musikalische Landschaft führte zu lyrischen Momenten, expressiven Ausbrüchen, dunklen Ausdeutungen und virtuosen Einlagen, wobei keinen Augenblick der Eindruck entstand, dass einer der beiden den anderen dominierte. Beide beherrschten die hohe Kunst, aufeinander einzugehen und bei aller persönlichen Entfaltung den anderen als gleichberechtigten Partner zu respektieren, der ebenso eigen musikalische Ideen entwickelt wie er auf die des Partners eingeht.

Michael Wollnys „Walpurgisnacht“ begann mit ostinaten Figuren des Klaviers und verhaltenen Tönen des Saxophons, steigerte sich dann und endete in einer plötzlichen Pause. Dann nutzen beide Musiker ihre Instrumente für Geräusche aller Art außer den gewohnten, um damit das Unheimliche und Alternative der Titels zu veranschaulichen. Breite Trillerflächen auf dem Flügel und weitere ostinate Figuren beider Instrumente schufen eine wahrhaft fremdartige und den Rahmen des Gewohnten sprengende Atmosphäre.

Das Stück „Kabinett Nr. 5“ mutete zu Beginn in der Melodik des Saxophons fast orientalisch an. Das Klavier ergänzte dann die langsame, getragene Melodielinien durch quirlige Klangflächen, später kamen tonlose – offensichtlich mit der Hand abgedimmte Saiten -, rhythmisch versetzte Figuren im tiefen Bereich des Klaviers hinzu, und Marius Neset wechselte zum Sopran-Saxophon. Zusammen entwickelten die beiden eine breite Palette motivischer und rhythmischer Einfälle, die sich nicht einmal wiederholten. Das Ganze endete in einem wahren Schluss-Feuerwerk.

Das letzte Stück, Marius Nesets „Sane“, begann auf auf dem Klavier mit einer Einleitung, die entfernt wie Glockengeläut klang, und entwickelte sich dann zu einer ruhigen, fast lyrischen Ballade. Fast nahtlos ging dieses Stück über zu Nesets „Prag-Ballett“, bei dem die Figuren auf dem Klavier fast von Bach Vater hätten stammen können. Zum Schluss interpretierten die beiden noch die schon ältere Komposition „Ode to McCoy“ von Michael Wollny, die nach einem wild bewegten Auftakt in einen Rhythmus übergeht, der entfernt an „Latin Rock“ erinnerte. Dabei fiel vor allem die Spannung auf, mit dem dieses Stück geladen war, und die sich zum Schluss in schnelle Cluster auf dem Klavier entlud.

Das begeisterte Publikums applaudierte derart heftig und beharrlich, dass sich die beiden noch zu einer Zugabe bereit fanden. Sie fasste den Abend in etwas kürzerer Form zusammen, indem von allen Elementen, die dieses Konzert geprägt hatten, etwas enthalten war. Diese beiden Musiker machen Lust, mehr von ihnen zu hören, derart temperamentvoll, virtuos und einfallsreich präsentieren sie ihre Musik.

Frank Raudszus

 

 

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