John Edward Williams:“Augustus“

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Ein guter Roman, so ein weit verbreitetes Urteil, ist sorgfältig durchkonstruiert, läuft nach Vorstellung des Themas oder des Konfliktes konsequent auf einen Höhepunkt kurz vor dem Ende zu und endet dann in einem mehr oder minder langgezogenen Abschwung. Ob die Geschichte mit einem Happy End oder einer Katastrophe endet, ist dabei zweitrangig. Wichtig sind zu Ende geführte Handlungsstränge und konsistente, in sich geschlossene Charakterbilder. Wegen des fiktionalen Charakters ist das auch möglich.

Historische Romane dagegen handeln von realen Personen und Ereignissen, dIe man bei Strafe der Lächerlichkeit nicht beliebig abändern kann. Daher retten sich die Verfasser oft in ein phantasievolles Ausfüllen der Lücken zwischen dokumentarischen Ereignissen mit „Sex and Crime“. Dabei stülpen viele Autoren ihren Protagonisten zwecks Bedienung der Lesererwartungen heutige gesellschaftliche Verhaltensmuster über.

John Edward Williams hatte in „Augustus“ einerseits die realen historischen Randbedingungen zu beachten, wollte jedoch andererseits auf keinen Fall die subjektiven Lücken mit publikumskompatiblen Mitteln füllen. Dies gelang ihm mittels der Methode des Briefromans. Dabei schildert er Ereignisse und Personen nicht aus der vermeintlich objektiven Sicht des Erzählers, sondern lässt ausschließlich die Protagonisten in Form von Briefen oder Tagebüchern zu Wort kommen. Bereits zu Beginn betont er in einer Art Prolog, dass er diese subjektiven Wortmeldungen weitgehend erfunden, sich dabei jedoch soweit möglich an existierenden Dokumenten über seine Protagonisten orientiert habe. Er erfindet also nicht frei, sondern bleibt im Rahmen des historisch Belegten oder zumindest Wahrscheinlichen. Durch diese Technik der persönlichen Dokumente schafft er sich die Möglichkeit, den Romanfiguren je eigene charakterliche Konturen zu verleihen, ohne dabei die Allwissenheit des Autors zu stark hervorzuheben. Seine Protagonisten stellen sich sozusagen selbst vor.

Der Roman setzt ein mit der Ermordung Cäsars im Jahr 44 v. Chr. und endet mit Augustus‘ Tod im Jahr 14 n. Chr.. Cäsar hatte den aus einer kleinadligen Familie stammenden Octavius als Sohn adoptiert und ihn – gegen den Widerstand der römischen Nobilitas – zu seinem Nachfolger erklärt. Dank Cäsars Beliebtheit beim Volk und vor allem bei den Soldaten war seine Abwahl de facto nicht möglich.

Nach Cäsars Tod nahm der junge Octavius das Erbe an und setzte sich mit Hilfe seiner Freunde, mit der Unterstützung durch Cäsars Legionen und mit einigem Glück gegen seine Gegner durch und konnte mit seinem Intimfeind Marcus Antonius und Lepidus ein Triumvirat errichten. Als seine beiden Mitherrscher ihn auszumanövrieren versuchten, besiegte er sie beide. Dabei half ihm auch der Umstand, dass die beiden sich aus Misstrauen und Eigennützigkeit nicht zusammentaten sondern sich jeweils alleine gegen ihn wandten.

Vierzig Jahre des Friedens und der Ausweitung des Reiches folgten, wobei Octavius jedoch stets mit feindlichen Aktionen des adligen Senats oder dessen Komplizen rechnen musste. Seine gesamte Regierungszeit – auch und gerade als verehrter „Augustus“ („Der Erhabene“) – war geprägt von taktischen Maßnahmen zur Einhegung seiner Gegner. Dazu gehörten auch arrangierte Ehen, mit denen er die Lager an sich zu binden versuchte. Er selbst heiratete die aus dem Hochadel stammende Livia, die ihn laut Williams nie als Ihresgleichen betrachtete und beharrlich das Ziel verfolgte, ihre Söhne aus erster, adliger Ehe als Nachfolger zu positionieren. Mit Tiberius gelang ihr dies auch. Seine Tochter Julia verheiratete er nach rein machtpolitischen Kriterien und nahm ihr damit jegliche  Selbstbestimmung.

Williams unterteilt seinen Roman in zwei Teile: den Kampf um die Macht bis zum Sieg über Marcus Antonius und die Zeit danach bis zu seinem Tod. Dabei beleuchtet er vor allem die Person Octavius alias Augustus. Die historischen Ereignisse beschreibt er – natürlich aus der Sich seiner Protagonisten –  nur soweit nötig, dann aber in ausreichender Tiefe und in plastischem Stil. Die Briefe seiner Freunde – Markus Agrippa, Maecenas – sowie der von ihm geschätzten Dichter Horaz, Vergil und Ovid eröffnen immer wieder neue Sichtweisen auf den Politiker, Soldaten und Menschen Augustus. Dabei wird immer deutlicher, dass Augustus sein Innerstes vor der Welt verschließt. Diese misstrauische Art entwickelt er als junger Herrscher spontan, als wisse er, dass jede geäußerte Gefühlsregung gegen ihn gewendet werden kann. Später basiert seine Verschlossenheit auf leidvoller Erfahrung.

Williams gelingt der literarische Balanceakt zwischen dokumentarischer Geschichtsliteratur und ahistorischer Vergangenheitsmalerei auf beeindruckende Weise. Nicht nur gestaltet er die einzelnen Charaktere überzeugend und mit ausgeprägter Realitätsnähe, sondern er bringt in diesem Roman auch eine über die konkrete personelle und historische Situation hinaus gültige Grunderkenntnis zum Ausdruck. Diese verpackt er, literarisch geschickt, in eine abschließende Autobiographie Augustus‘. Diese wiederum kommt nicht in einer ausdrücklichen Form, sondern als Brief an den alten Freund und Biographen Nikolaos von Damaskus daher. Dabei verarbeitet Williams auch Passagen aus den offiziellen Selbstdarstellungen des Kaisers, die dieser an öffentlichen Stellen anbringen ließ. Die entsprechenden Stellen weist Williams durch Kursivdruck aus und erwähnt sie im Prolog ausdrücklich, damit man ihm kein Plagiat vorwerfen kann. In diesem Lebensrückblick gewinnt der Roman geradezu philosophische Züge, denn Williams erinnert dabei an die „Müßigkeit“ allen menschliches Tuns, die alle vermeintlichen Siege in Niederlagen verwandelt und den Menschen am Schluss auf seine Vergänglichkeit reduziert. Das kommt bei Williams jedoch nicht in der platten Form bigott-klerikaler Nivellierung auf unterstem Niveau zum Ausdruck, sondern in der Erkenntnis des nach menschlichen Maßstäben überirdisch Erfolgreichen, dass er am Ende kaum etwas wirklich Bleibendes erreicht hat. Williams äußert diese ambivalente weil latent selbstherrliche Erkenntnis jedoch nicht als Meinung des allwissenden Erzählers, sondern als Selbstkritik eines großen Herrschers am Ende seines Lebens. Erst der reale welthistorische Kontext verleiht dieser Erkenntnis ihre Bedeutung und Würde.

Das Buch ist im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) erschienen, umfasst 474 Seite und kostet 24 Euro.

Frank Raudszus

 

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One Response to John Edward Williams:“Augustus“

  1. Elke Trost 18/11/2017 at 10:57 pm #

    Hallo Frank, ich habe deinen Bericht mit Interesse gelesen, weil ich den Roman auch auf meinem Kindle habe, aber noch nicht gelesen habe. Gelesen habe ich „Stoner“ und „Butcher`s Crossing“, die ich beide hervorragend finde.
    Zu deiner Rezension muss ich dir aber aus germanistischer Sicht einen Hinweis geben: Was du zu Beginn als Regel für einen guten Roman beschreibst, bezieht sich auf das klassische Drama (Poetik des Aristotels, auf den sich später auch die Franzosen und Lessing beziehen; im 19. Jh. leitet Gustav Freytag daraus noch einmal die Spannungskurve für das 5 -Akt -Drama ab,
    Für den Roman gibt es keine Regel, das hat ihm im 18. Jh. auch eher Naserümpfend der intellektuellen Eliten eingehandelt, weil er durch die Formlosigkeit oder – anders ausgedrückt -durch die Freiheit der Form gekennzeichnet ist.
    Nur für die Novelle hat Paul Heyse die dramtische Form als Regel beschrieben (d.h. Zuspitzung auf einen KOnflikt, „Schürzung des Knotens bzw. Entwicklung des Konflikts, Höhepunt und Peripetie, retardierendes Element und dann Ende (Katastrophe oder Lösung). Das ist die sogenannte „Falkentheorie“ bezogen auf eine Novelle, die – wenn ich das richtig im Kopf habe – „Die drei Falken“ heißt.
    Die formale Regellosigkeit des Romans sieht man schon ganz früh in den englischen Romanen des 18.Jh.s, wo ein Tristram Shandy neben Gullivers Travels steht und neben Tom Jones, oder auch die Briefromane (Werther) oder später dann die Entwicklungs- und Bildungsromane, für die der Wilhelm Meister ein Prototyp ist.Und das ist wahrlich ein Ungetüm, mit Einfügungen ganzer Novellen, Lyrik und philosophischen Reflexionen etc.
    Natürlich hat es auch Versuche gegeben, Vorschriften zu etablieren, z.B. Die erzreaktionären Ausführungen von Gustav Freytag zum realistischen Roman (da findest man schon das ganze rassistische, antisemitische und natonalisitsche Vokabular des NS: Der Roman habe das Gesunde und Positive darzustellen, nicht dekadente Innenschau.Auch der sozialistische Realismus (Lukacs, UDSSR und DDR Literaturpolitik) verschreibt sich dem angeblich Gesunden und einer optimistischen Zukunftssicht, will den realistischen Roman des 19. Jhs zur Norm erheben,
    Das spricht dem Roman jede gesellschaftskritische Intention ab.
    Nicht umsonst haben die Nazis alle modernen Formen des Romans als entartet verurteilt (Leider entwickelt sich in Zeiten hysterischer politischer Korrektheit eine ähnliche bilderstürmerische Wut auf alles Kritische, aber das führt jetzt zu weit).
    Bevor ich jetzt noch zu Fontane komme, der auch neue Formen entwickelt hat, höre ich lieber auf.
    Ich hätte mal wieder Lust auf ein literarisches Gespräch …
    Gruß, deine Schwest er Elke

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