Peter Sloterdijk: „Was geschah im 20. Jahrhundert“

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Das 20. Jahrhundert kann man mit guten Argumenten – soweit eine solche Kategorisierung in der Menschheitsgeschichte überhaupt angemessen ist – als das spannungsreichste und von den größten Umbrüchen geprägte Jahrhundert der Geschichte betrachten. Manche Historiker sprechen dabei von einem „kurzen“ Jahrhundert, das angeblich nur von 1917 bis 1990 reichte, andere – wie auch Peter Sloterdijk – verorten den Beginn dieses randvollen Jahrhunderts sogar bereits im Vorgänger-Jahrhundert und lassen es erst mit den EU-Verträgen im Jahr 2004 enden. Da eine solche Einteilung jedoch eurozentrische Züge trägt, sollte man es bei der kalendarischen Verortung belassen.

Sloterdijk gehört nicht zu den sogenannten „Schulphilosophen“ (ein Begriff, den er selbst in diesem Buch prägt und unter dem er wohl besonders die „Frankfurter Schule“ subsumiert) mit einem in sich geschlossenen und auf intellektuelle Abrundung ausgerichteten Weltbild, sondern er stellt sich den Anforderungen der aktuellen Welt- und Geisteslage ohne dogmatische oder ideologische Vorgaben. Das liegt sicher daran, dass er jegliches festes Bild der geistigen und gesellschaftlichen Entwicklung – wie es die Naturwissenschaften aus guten Gründen verfolgen – wegen der unübersehbaren Zahl psychologischer und geistiger Randbedingungen als unrealistisch ansieht. Es gilt also, das eigene Weltbild nahezu täglich den oftmals unerwarteten Ereignissen anzupassen und nicht diese in eine vorgefertigte Theorie zu pressen.

Für diese Einstellung hat Sloterdijk von den „Schulphilosophen“ viel Kritik einstecken müssen, und er darf deshalb das Motto „Viel Feind´, viel Ehr“ wie einen Ehrentitel vor sich hertragen.

In dem vorliegenden Buch hat er eine Reihe von Aufsätzen und Vorträgen der letzten eineinhalb Jahrzehnte zusammengefasst, die sich alle bestimmten Aspekten des 20. Jahrhunderts widmen. Zum Teil beziehen sie sich aufeinander, Wiederholungen sind jedoch selten, und trotz unterschiedlicher Tiefe und Weite der einzelnen Beiträge kommt es gegen Ende nicht zu dem bei vielen ähnlichen Sammlungen auftretenden, der Füllung des Buches geschuldeten Spannungs- und Qualitätsabfall.

Gleich der erste Aufsatz, „Das Anthropozän“ übertitelt, setzt intellektuelle Eckpfeiler. Sloterdijk attestiert der westlichen, speziell der christlichen Denkweise eine „apokalyptische“, weil grundsätzlich vom vorweg genommenen Ende her gedachte Sichtweise. Diese ist für ihn auch im säkularen Zeitalter noch virulent, zum Beispiel bei der Betrachtung des Klimawandels. Im Anthropozän ist der Mensch nicht mehr integriert in eine seinen Aktivitäten gegenüber „invariante“ Welt, sondern gestaltender Täter auf endlicher Lebensgrundlage. Schon früh im 19. und dann im 20. Jahrhundert habe es deutliche Hinweise auf die Endlichkeit der Ressourcen und ein apokalyptisches Ende gegeben. Das impliziere die Verantwortung und letztlich auch Schuld des Menschen. Sloterdijk führt den ökonomischen und ökologischen „Expressionismus“ – Wachstum und Beschleunigung um der individuellen Freiheit und Entfaltung willen (Konsum) – auf sechs „circuli virtuosi“ (nicht „vitiosi“!) zurück, die da sind Kunst, Kredit, Maschinenbau, Staatswesen, Forschung/Wissenschaft und Rechtswesen. Eine positive Rückkopplung aufgrund eines dank Vervielfältigung akkumulierten Wissens habe zu exponentiellen Wachstumsprozessen geführt. Eine Reduzierung des Ressourcenverbrauchs im „Raumschiff Erde“ sei zwingend erforderlich, und ein grundlegender Paradigmenwechsel hin zu Bescheidenheit und Askese stehe an. Sloterdijk stellt am Schluss die bange Frage, ob das auf freiwilliger Basis gelingen kann.

Der „Domestizierung der Kulturen“ ist ein anderer Beitrag gewidmet. Kooperation im Inneren einer Gemeinschaft ist für Sloterdijk nur durch Definition des Äußeren als eines latent feindlichen Fremden möglich, demgegenüber die Gemeinschaft sich als Ganzes abgrenzen müsse. Darüber habe sich eine „Stress-Kooperation“, z. B. im Krieg, herausgebildet, die dank eines geradezu tabuisierten Feigheit-Verbots auch das eigene Leben riskiere. Das zukünftige Problem besteht für Sloterdijk in der Frage, ob eine domestizierte Weltgesellschaft bei Fehlen eines „Äußeren“ überhaupt möglich ist.

Das Leben als „Experiment“ ist der Schwerpunkt eines weiteren Aufsatzes. Ab dem späten 15. Jahrhundert sei das Leben als ein nach Glück suchendes Experiment begriffen worden. Dabei habe sich dieses Experiment als Suche nach dem entlastenden Schatz entwickelt, und der Ozean sei zum Symbol der zu überwindenden Externitalität geworden. Die Globalisierung ist laut Sloterdijk selbst als Experiment zu verstehen, wobei die Suche des Glücks im fremden Äußeren im Mittelpunkt steht. Eine zukünftige Wandlung der Ozeane zur „Innenwelt“ ist aus ökologischen Gründen dringend erforderlich, doch Sloterdijk bezweifelt auch hier eine zumindest mittelfristig Realisierung.

In der „Kritik der extremistisches Vernunft“ diskutiert Sloterdijk die Verwerfungen und Umbrüche des 20. Jahrhunderts, das er als Epoche der Reduktion von Komplexität definiert. Einfache Dogmen wie Faschismus oder Kommunismus dienten als unikausale Welterklärung. Dabei verdecken laut Sloterdijk immer wieder einzelne – spektakuläre – Ereignisse den Blick auf das Ganze. Für das Jahrhundert prägt Sloterdijk den Ausdruck „Apokalypse des Realen“, die von einer Implosion des Jenseits begleitet wird. Der Realismus ersetzt den Idealismus und Marquis de Sade dient als Vordenker des Verbrechens als ultimativer Naturzustand. Im 20. Jahrhundert ersetzt die Erleichterung der Technik die Schwere der Religion. Anstelle der Leiden Christi als Vorbild tritt die Schöpferkraft des „Vaters“ als Movens des Menschen.  Der Überfluss erzeugt eine Antigravitation anstelle der Gravitation, und die Entlastung des Menschen setzt sich gegen die „schwere“ Radikalität und den Fundamentalismus früherer Weltbilder durch. Die schwere körperliche Arbeit und die Ausbeutung des Menschen verschiebt sich auf die Natur und hier vor allem auf die Nutztiere. Damit geht eine Umwertung aller Werte einher. Am Ende dieses so umfangreichen wie tief gründenden Beitrags steht Sloterdijks Dictum, dass ein postfossiles Zeitalter den Überfluss beenden müsse und werde, wenn nicht durch eine freiwillige, dann durch eine erzwungene Bescheidenheit.

Der gut vierzigseitige Essay über die Traumdeutung des französischen Philosophen Jacques Derrida ist philosophisch ausgesprochen anspruchsvoll und übersteigt den Rahmen dieser Rezension. Er erfordert zum Verständnis vertiefte Kenntnisse der Arbeiten und Theorien von Siegmund Freud, Ernst Bloch, Gill Deleuze und – natürlich! – Jacqes Derrida, die alle mehr oder minder detailliert vorgestellt werden.

Der „Renaissance“ ist ein eigener Essay gewidmet, der jedoch keine kunsthistorischen sondern ausgreifende philosophische Züge trägt. Sloterdijk sieht die Renaissance nicht (nur) als eine nostalgische Wiedergeburt der Antike, sondern als einen bewussten Widerstand gegen die „Apokalypse des Realen“, die in Gestalt der Pest über das späte Mittelalter hereinbrach. Bocaccios „Decamerone“ dient Sloterdijk dabei als Beispiel für diesen Aufbruch aus einer zerstörten Gesellschaft und für den unzerstörbaren Glauben an ein lebbares Leben. Auch hier verortet Sloterdijk den Wechsel der alten Trinität: weg vom Leiden Christi, hin zur schöpferischen Kraft des „Vaters“. Die (Göttin) Fortuna ersetzt den Heiligen Geist und passt insofern auch zu dem Glück suchenden „Experiment des Lebens“ des dritten Essays.

Ein weiterer Beitrag gilt dem brisanten Thema von Heideggers Politikverständnis. Sloterdijks Erläuterungen zu Heideggers Nazi-Episode wandeln zielsicher auf dem schmalen Grat zwischen wohlfeiler – und anderen Orts genüsslich getätigter – Empörung der Nachgeborenen und einer gequälten Apologetik. Dabei macht er sich die Analyse dieses Komplexes nicht leicht und lässt dem posthum gescholtenen Philosophen das Diktum „in dubio pro reo“ zukommen. Heidegger habe das Erwecken des Schlafenden (Neutrum!) zur bewussten Langeweile zum Mittelpunkt seiner Philosophie gemacht. Das habe zwangsläufig zur Suche nach einem historischen Projekt geführt. Dies habe Heidegger zumindest kurzfristig in der frühen NS-Bewegung gesehen und dabei  auch explizit das „Führertum“ als Mittel zur Erweckung aus der Erstarrung gesehen. Sloterdijk kritisiert die epigonalen philosophische Scharfrichter und liefert statt einer „Ehrenrettung“ eine detaillierte Zurechtrückung.

In der „Odyssee“ definiert er die Philosophie als Einheit von Wissen und Können. Ausdrücklich bekennt er sich zum Wert des erlernten Könnens und der langen Durststrecken à la Odysseus und bezeichnet manche europäischen Denkschulen als leistungsfeindliche „Lotosesser“. Mit diesem Seitenhieb auf zeitgenössische Gegner des Leistungsdenkens zielt er ohne Namensnennung auch auf die Frankfurter Schule, die er mit dem allgemeinen Begriff „die ewig beleidigte Akademie“ nur vordergründig kaschiert. Dies kommt auch in dem Nebensatz zum Ausdruck, das eben diese Akademien gegen leistungsorientierte Denker polemisch zu Felde zögen. Da denkt doch jeder sofort an den öffentlichen Streit über Sloterdijks Essay über das Wesen der Steuer vor ein paar Jahren.

In den Beiträgen dieses Buches zeigt der Autor deutlich seine Unabhängigkeit von eingefahrenen philosophischen oder gesellschaftspolitischen Schulen. Er versteht sich mehr als wacher und geistreicher Beobachter des Zeitgeschehens denn als systematischer Arbeiter an einem „Welt-Gedankengebäude“. Alle dogmatischen Lehren sind ihm offensichtlich suspekt oder gar mehr als das. Diese Skepsis gegenüber jeglichen in sich geschlossenen Dogmen oder Ideologen stempeln ihn in gewissem Sinne zum Außenseiter, doch offensichtlich kann er mit diesem Status leben oder genießt ihn gar. Für den Leser eröffnen sich in Sloterdijks Beiträgen zur Philosophie und zum Zeitgeschehen jedoch zuverlässig immer neue Fenster auf die Wirklichkeit und deren mögliche Deutungen. Sloterdijk selbst hütet sich dabei vor apodiktischen Behauptungen und versucht stattdessen, den Verhältnissen durch messerscharfe Analysen auf den Grund zu gehen, wobei ihm sein ausgesprochen weiter Horizont und seine scharfer Geist zugute kommen. Sein brillanter Stil tut ein Übriges, um die Lektüre trotz des hohen intellektuellen Anspruchs zu einem Genuss zu machen.

Das Buch „Was geschah im 20. Jahrhundert“ ist im Suhrkamp-Verlag erschienen, umfasst 348 Seiten und kostet 12 Euro.

Frank Raudszus

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