Paul Nizon: „Sehblitz – Almanach der modernen Kunst“

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Der Autor bezeichnet die Textsammlung dieses Fachbuches als Kunstübungen. Viele entstanden in den späten fünfziger Jahren, kurz nach dem Ende seines Studiums. Er war noch jung und unerfahren und debütierte als Korrespondent des „Neuen Züricher Zeitung“. Ihn interessierten besonders die abstrakte Nachkriegskunst der „École de Paris“ sowie das „action painting“. Er fühlte sich beiden Richtungen innerlich verbunden, sah aber durchaus die Schwierigkeit der Aufgabe, all das, was ihn bewegte, in Sprache zu fassen. Er selbst wertet diese frühen Texte im Nachhinein als Beginn seines literarischen Werdegangs. Im vorliegenden Band sind Kritiken, Essays und Künstlerportraits aus sechzig Jahren zusammengestellt.

Als „Pforten der Moderne“ begegnen dem Leser Texte zu Goya, Turner, Redon, Rousseau, Hodler, van Gogh, Maillol und Vuillard. Als „Augenhunger“ bezeichnet Paul Nizon seine Kunstkritiken zu Malevitch, Matisse, Nolde, Soulages, Pollock, Burri und anderen. Seine Kritiken sind eigenwillig, sprachkünstlerisch und expressiv. Es sind sehr persönliche Annäherungen an Künstler und ihre Kunstwerke. An die Kunstkritiken schließen sich Berichte über Atelierbesuche bei Künstlern wie Varlin, Josephson, Moser, Moos und anderen an. Um einen kleinen Vorgeschmack über den besonderen Stil zu geben, hier einige Zitate über Nizons Atelierbesuch bei Giovanni Giacometti: „Giacomettis Menschenbild – der Mensch, eine winzige verkrustete Tatsache, die reduzierte Bemerkung über Menschenanwesenheit … die denkbar deutlichste Verkörperung von Existenzialismus und Nihilismus … „.

Der Leser spürt, wie durch Nizons Texte Kunstwerke zum Leben erwachen; wie der intensive Betrachter Nizon förmlich in die Werke hineinkriecht, um sie zu erfassen. Über Emil Nolde schreibt er: “ … wie das Numinose sich materialisieren kann, Glutmasse wird, ausgeschiedene Schöpfungsmaterie gleichsam, die vor unseren Augen gerinnt, Gestalt, Gestalten, Leben annimmt… Deshalb wirkt die Welt Emil Noldes gleichzeitig elementar und als Inkarnation“.

Lesern, die Freude für die Musikalität dieser Sprache empfinden und eine Annäherung an Kunst auf ungewöhnliche Art und mit kunstsprachlichen Mitteln reizvoll finden, ist dieser Band unbedingt zu empfehlen.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag erschienen, umfasst 303 Seiten und kostet 20 Euro.

Barbara Raudszus

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