V.F.Hendricks/M. Vestergaard: „Postfaktisch“

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Dass Fakten je nach politischer Interessenlage ignoriert oder marginalisiert werden, ist ein bekanntes Reaktionsmuster, dass sie aber trotz vorliegender Beweise schlicht geleugnet werden ist neu. Donald Trump hat den Begriff der „alternativen Fakten“ geschaffen, der bekannte und allgemein anerkannte Fakten einfach in ihr Gegenteil verkehrt. Vincent F. Hendricks, Professor für Philosophie in Kopenhagen, und sein Doktorand Mads Vestergaard haben nun dieses Phänomen – unabhängig von aber auch am Beispiel Donald Trumps – in dem vorliegenden Buch analysiert und strukturiert dargestellt.

An den Beginn ihrer Ausführungen stellen sie die „Aufmerksamkeitsökonomie“. Jeder Mensch kann nur eine begrenzte Aufmerksamkeit auf verschiedene Phänomene verteilen. In Zeiten vor dem Internet konnten sich Zeitungen, Bücher und später das Fernsehen diese Aufmerksamkeit noch teilen, heute aber überschüttet eine wahre Flut von Informationen den Einzelnen und macht es ihm praktisch unmöglich, seine Aufmerksamkeit sinnvoll zu verteilen. Das erfordert von allen Informationsanbietern erhöhten Druck, um diese beschränkte Ressource für sich zu gewinnen. Dabei hat sich erwiesen, dass die Ansprache von elementaren Wünschen und Ängsten wesentlich mehr Erfolg verspricht als der Appell an die Vernunft.

Aufgrund dieser Erkenntnis setzen – vor allem im unregulierten Internet – immer mehr Informationsanbieter auf emotional aufgeladene – sprich:populistische – Themen und Thesen. Daraus entstehen laut den beiden Autoren richtiggehende „Nachrichtenblasen“, bei denen unklare Situationen zu Skandalen aufgebauscht werden. In Deutschland war diese These in den letzten Wochen an den Chemnitzer Ereignissen nachvollziehbar.

Auch die Politik beteiligt sich an diesen „Aufmerksamkeitsblasen“, in dem sie vordergründig spektakuläre, aber in der Praxis wirkungslose Gesetze erlässt. In Dänemark war dies die Konfiszierung von Wertsachen bei Flüchtlingen, die zwar großen Beifall der Öffentlichkeit erntete, aber in zwei Jahren nur vier Mal angewandt wurde. Auch hier kann an den potentiellen Wähler mit populistischen Entscheidungen kurzfristig für sich gewinnen, ohne langfristigen Nutzen zu erzielen. Diese „Symbolpolitik“ greift nach Aussage der Autoren auch in westlichen Ländern immer mehr um sich, wobei man nicht nur auf die USA zu schauen braucht.

Als besonders bedenklich betrachten die beiden Autoren die „alternativen Fakten“ eines Donald Trump (oder eines Erdogan). Hier werden offensichtliche Fakten ins Gegenteil verkehrt, um die eigene Sicht zu stützen. Sie zeigen dies an der Menschenmenge bei den Einsetzungen von Obama und Trump als Präsidenten. Obwohl alle Beweise – in erster Linie Fotos – deutlich zeigen, dass bei Obamas Einsetzung eine wesentlich größere Menschenmenge zugegen war, behaupten Trump und seine Anhänger bis in die Regierung hinein, diese Fotos seien manipuliert („Fake“) und in Wirklichkeit seien viel mehr Zuschauer bei Trump als bei Obama gewesen. Hendricks und Vestergaard verweisen auf die inhärente Gefahr für die Demokratie, wenn wichtige Personen des öffentlichen Lebens allgemein akzeptierte Fakten leugnen und damit auch die öffentlichen Institutionen in Frage stellen oder gar bloßstellen. Die einfachen Anhänger der „Fake“-Nachrichten verbreitenden Politiker fühlen sich umso mehr berechtigt, die öffentlichen Institutionen abzulehnen.

Gezielt eingesetzt, kann man mit einer aktiven Faktenleugnung ganze Staatswesen erst systematisch desinformieren und dann destabilisieren. Putin hat dies als externe Kraft im Westen versucht und tut es noch, Trump, Erdogan und andere tun dies sogar im eigenen Lager, nur um die Deutungshoheit zu behalten und ihre Weltsicht durchzusetzen. Das Schlimme dabei ist, dass die Leugner auf allen politischen Ebenen faktenresident sind und niemals ihre Fehlsicht eingestehen werden. Das macht eine vernünftige Diskussion mit ihnen unmöglich. Wer an ihren „alternativen Fakten“ zweifelt, verbreitet „Fake News“.

Eine logische Folge dieser Faktenleugnung sind Verschwörungstheorien, die mit Vorliebe dubiosen „Eliten“ gelten, die sich mangels „Ross und Reiter“ nicht wehren können und sich damit im Bewusstsein breiter Schichten festsetzen, mit potentiell allen gesellschaftlichen Folgen wie Hass, Aufruhr und tätlichen Angriffen. Am Schluss skizzieren die Autoren die Gefahr einer „postfaktischen Demokratie“ à la Orwell, in der eine von „oben“ verordnete Sprachregelung alle unbequemen Tatsachen leugnet und deren Erwähnung unter Strafe stellt. Bei aller Kritik und Klarsicht verfallen die beiden Autoren jedoch nicht in hysterischen Alarmismus, sondern zeigen die bedenklichen Entwicklungen in nüchtern-sachlichem Stil und mit gut belegten Argumenten auf. Ein Buch, das zur Pflichtlektüre für jeden aufgeklärten Bürger werden sollte.

Das Buch ist im Blessing-Verlag erschienen, umfasst 2017 Seiten und kostet 16 Euro.

Frank Raudszus

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