Ein kostbares Fundstück der Moderne

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Der Direktor der Frankfurter Kultureinrichtungen Städel und Schirn, Dr. Philipp Demandt, hat sich für sein Direktorat vorgenommen, zu Unrecht vergessene Künstler wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stellen. Nachdem er im ersten Jahr im Wesentlichen die Planungen seines Vorgängers betreut hat, kann er ab sofort seine Vorstellungen in die Tat umsetzen. Die Ausstellung „Lotte Laserstein – Von Angesicht zu Angesicht“ ruft eine deutsche Malerin Lotte Laserstein (1898-1993) in das öffentliche Gedächtnis zurück, eine prägende Künstlerin der Weimarer Zeit war, wegen ihrer jüdischen Herkunft jedoch 1937 emigrierte. Dort konnte sie sich künstlerisch nicht mehr im gleichen Maße durchsetzen wie im Berlin der 20er und frühen 30er Jahre und geriet weltweit in Vergessenheit. Philipp Demandt erzählte in einer fast schon berührenden persönlichen Rückschau, wie er kurz nach der Jahrhundertwende zufällig auf ihr Werke stieß und sofort begeistert war. Nachdem er bereits als junger Kunstreferent den Ankauf eines wichtigen Bildes der Künstlerin für die Berliner Nationalgalerie durchsetzen konnte, verwirklichte er jetzt seinen Traum einer nur dieser Künstlerin gewidmeten Ausstellung.

„Abend über Potsdam“. 1930

Lotte Laserstein gehört zu den eher konservativen Künstlerin der Weimarer Zeit, was jedoch der Qualität ihrer Bilder keinen Abbruch tut. Maler wie Wilhelm Leibl waren ihre großen Vorbilder, und den Einfluss ihres Lehrers Erich Wolfsfeld erkennt man Experten zufolge an ihrer Strichführung. Obwohl Lotte Laserstein ausschließlich figurativ und naturgetreu malte und den in den 2012 Jahren aufblühenden Expressionismus ignorierte, wirken ihre Bilder in keiner Weise überholt oder gar klischeehaft. Das überwiegend aus Portraits und Akten bestehende Werk – Stilleben malte sie erst aus wirtschaftlichen Gründen im schwedischen Exil – beeindruckt durch den intensiven Ausdruck und die Individualität der dargestellten Personen. Dabei stützte sie sich im Wesentlichen auf ihre Freundin Gertrud („Traute“) Rose, die sowohl für Portraits als auch für Akte Modell stand. An diesem Modell entwickelte Lotte Laserstein eine künstlerische Richtung, die den neuen Frauentyp nach dem Ersten Weltkrieg darstellen und – ja, auch! – feierte. Nicht nur zeigte sie ihre Frauen – hauptsächlich Traue Rose – mit Kurzhaarschnitt und selbstbewusster Pose, sondern auch mit einem vielschichtigen mentalen Ausdruck von Nachdenklichkeit, Ratlosigkeit und Selbstbehauptung.

„Morgentoilette“, 1930

Eine besondere Vorliebe Lotte Lasersteins gilt dem Spiegel. Eine Reihe von Portraits und Akten malt sie sozusagen aus dem Spiegel ab, so dass sie selbst mit auf dem Bild erscheint. Bei einem Bild – ein Doppelportrait mit Traute Rose – schaut sie sogar direkt in den Spiegel, während ihre Hand den Pinsel auf der Leinwand führt. Man sieht förmlich, sie sie ihr Abbild studiert und auf dem Bild fixiert. In einem anderen Bild bildet sie den Kopf einer jungen Russin von vorne und gleichzeitig das Profil im Spiegel ab. Eine Variante dieser Selbstreferenz besteht darin, sich selbst im Selbstportrait vor ihren Bildern zu malen. Diese Selbstdarstellung dürfte jedoch weniger auf Eitelkeit denn auf das Bedürfnis zurückzuführen sein, im unfreiwilligen schwedischen Asyl – sie war dorthin geflohen! – ihre Identität zu bewahren.

Eines ihrer wichtigsten Bilder ist „Abend über Potsdam“, das 1930 entstand und unübersehbar Leonardos „Abendmahl“ nachempfunden ist. Fünf Menschen sitzen an einem langen Tisch, in der Mitte, mit dem Gesicht zum Betrachter, eine Frau im auffallenden gelben Kleid. Sie trägt eine bedrückte Miene zur Schau, und auch die anderen beiden Frauen und die beiden Männer wirken alles andere als heiter. Das Essen auf dem Tisch ist äußerst karg, und im Hintergrund des Bildes erstreckt sich Potsdam, das mit seinen Hügeln und Kuppeln entfernt an Jerusalem erinnert. Den Anlass für die schlechte Stimmung kann man in der Weltwirtschaftskrise vermuten, doch gleichzeitig schwebt in diesem Bild die Ahnung von etwas viel Schlimmeren, das noch vage in der Zukunft liegt. Ein anderes Bild aus dem Jahr 1934 zeigt drei Männer in einem engen, unwirtlichen Zimmer, die ein ernstes Gespräch – so auch der Bildtitel – führen und dabei Besorgnis und – ja! – Angst zeigen. Die Jahreszahl sagt alles über den gesellschaftlichen Hintergrund dieses Bildes.

„In meinem Atelier“, 1928

So enthält fast jedes Bild dieser Zeit geheime Chiffren der politischen oder gesellschaftlichen Situation. Der Emigrant, den sie 1947 in Schweden malt, zeigt resignierte Gesichtszüge, die durch die Brüche des Exils jegliche Lebenskontur verloren haben, und bei den Selbstportraits fällt die existenzielle Skepsis und tief sitzende Unruhe auf. Diese überträgt sich auch auf ihre Freundin und Modell Traute Rose, und in den Doppelportraits steigert sich diese elementare Lebensunsicherheit zu doppelter Intensität, ohne dass Lotte Laserstein deshalb vordergründige Affekte in die Gesichter zeichnen muss.

Die Kuratoren Dr. Alexander Eiling und Elena Schroll haben die Ausstellung in fünf Kapitel unterteilt, die jeweils einen Aspekt bzw. eine Epoche ihres Schaffens beleuchten: in „Die Malerin und ihr Modell“ steht die Beziehung zu ihrem Modell Traute Rose im Vordergrund,  „Die neue Frau“ beleuchtet die Emanzipation der Frau in den 20er Jahren mit malerischen Mitteln, „Abend über Potsdam“ stellt als Lotte Lasersteins Hauptwerk ein eigenes Kapitel dar, „Verfolgung und Flucht“ zeigt Werke der mittleren 30er Jahre, und „Die schwedischen Jahre“ schließlich befassen sich mit ihrem Exil in Schweden.

Das Städelmuseum hat mit dieser Ausstellung einen wichtigen Beitrag für die öffentliche Rehabilitation zu Unrecht vergessener Künstler geleistet, und man darf hoffen, dass die Verantwortlichen noch so manches Juwel aus der Ablage der Kunstgeschichte hervorholen.

Näher Einzelheiten (Öffnungszeiten etc.) sind über die Webseite des Museums zu erfahren.

Frank Raudszus

 

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