Heroische Projektionen – Ausstellung „König der Tiere“

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Die Wiederentdeckung vergessener, verkannter oder verdrängter Künstler ist ein Schwerpunkt des Direktors von Städel und Schirn, Dr. Philpp Demandt. Nach der Ausstellung über Lotte Laserstein folgt nun in der Kunsthalle Schirn eine neue Ausstellung über den Maler Wilhelm Kuhnert (1865-1926), der sich zu kaiserlichen Zeiten einen Namen als Maler vorzugsweise afrikanischer Wildtiere gemacht hatte. Um die Jahrhundertwende 1900 war auch in Deutschland eine koloniale Aufbruchsstimmung entstanden. Man – vom Kaiser bis zum „einfachen Mann“ – wollte einen „Platz an der Sonne“ ergattern und wie die Großmächte England und Frankreich über rohstoffreiche Kolonien verfügen. Ein Unrechtsbewusstsein gegenüber den jeweiligen eingeborenen Völkern gab es nicht, sondern man hielt diese schlicht für unterentwickelt und der Hilfe europäischer Großmächte bedürftig. Konsequenterweise gestand man diesen Völkern auch nicht die gleichen Rechte wie dem „weißen Mann“ zu und entwickelte bei ihrer Ausbeutung auch kein schlechtes Gewissen.

Der „König der Tiere“ in stolzer Pose

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die Kolonialzeit auch in Deutschland in immer schlechteres Licht, obwohl das deutsche Reich über vergleichsweise bescheidene Kolonien verfügt und diese auch gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges verloren hatte. Doch der Makel der Kolonialherren blieb, von Tsingtau über Tansania bis nach Namibia (deutsch-Südwest). Daher beschäftigten sich auch seitdem weder Museen noch Galerien mit Künstlern, die in dieser Zeit die Kolonien als Gegenstand ihrer Kunst gewählt hatten, es sei denn, sie hätten bereits damals dem Kolonialismus ausgesprochen kritisch gegenüber gestanden.

Das kann man von Wilhelm Kuhnert nicht behaupten. Er kaum aus einer „kunstfernen“ Familie, schaffte es jedoch zum Kunststudium und entschied sich für die Tiermalerei. Seine aktive Zeit als Künstler fiel mit dem aufstrebenden deutschen Kolonialismus zusammen, und so ergab es sich fast von selbst, dass er die Tiere Afrika kennenlernen und malen wollte. Da jedoch weder Löwen noch Elefanten gerne Modell für einen Maler sitzen und deren unmittelbare Nähe nicht unbedingt angenehme Gefühle wachruft, verfügte Kuhnert nur über zwei Optionen zum Studium dieser Wildtiere: zu Hause im Zoo oder in Gestalt der Jagd auf diese Tiere in ihrem angestammten Lebensraum. Da er gerade diesen kennenlernen wollte, konnte ihm der Zoo nur als Ergänzung seiner Studien dienen. So zog er mehrere Male mit eingeborenen Trägerkolonnen durch die afrikanischen Savannen und erlegte die Tiere, die er malen wollte.

Brennende Savanne

Der Ausstellungstitel verdeutlicht dabei, um welches Tier es ihm vor allem ging: den Löwen. Die eindrücklichsten Gemälde sind diesem „König der Tiere“ gewidmet, und erst mit Abstand folgen der Elefant, die Wasserbüffel oder andere afrikanische Tiere. Die Reisen nach Afrika benötigte Kuhnert auch, um die Landschaftseindrücke in sich einzusaugen und authentisch in seinen Bildern widerzuspiegeln. Das gelang ihm hervorragendem Maße, wie auch die bis ins Detail naturgetreue Nachbildung der Tiere. Löwen in freier Wildbahn hat er jedoch angeblich nur einmal gesehen, und das aus größerer Entfernung.

Selbstportrait mit imperialer Attitüde

Die Kuratoren Ilka Voermann und Philipp Demandt(!) haben die Ausstellung in mehrere thematisch getrennte Bereiche unterteilt. Der Eingangsbereich empfängt die Besucher mit großformatigen Bildern von Wildtieren, allen voran der Löwen in allen Stellungen und Kombinationen. Hier fällt vor allem die „vermenschlichte“ Darstellung der Löwen auf. Gerne hat Kuhnert sie im engen Familienverbund, etwa ein – monogames? – Paar oder eine Löwin mit Jungen, gemalt. Damit projizierte der die bürgerlichen Vorstellungen über die Familie auf die Löwen, die bekanntlich eher in Rudeln leben. Weiterhin bevorzugte er in vielen Bildern die heroische Position, so wenn das Löwenmännchen auf einer Anhöhe steht und auf die weite Savanne hinausschaut. Hier hat Kuhnert unbewusst(?) die imperiale Attitüde der Freiheit, des Stolzes und der Machtergreifung verewigt. Diese Attitüde dürfte wohl auch der Grund gewesen sein, weshalb Kuhnert nach dem Zweiten Weltkrieg „de facto“ geächtet war. Man braucht diese Ächtung nicht verbal hinauszuschreien, sondern kann sie durch einfaches Ignorieren bewirken.

„Heroischer“ Kampf gegen EIngeborene

Ein weiterer Bereich – wesentlich kleiner! – ist der Darstellung von Menschen gewidmet. Diese sind in den meisten Fällen nur als angedeutete Menschenmengen abgebildet, ohne anatomische Details und nur als atmosphärische Beigabe. Wenige Bilder gehen näher auf die Menschen ein, so etwa die Zeichnung eines gehenkten Afrikaners, die man inhaltlich durchaus unterschiedlichen Bewertungen unterziehen kann. Ein anderes Bild zeigt den Kampf einer Gruppe von (deutschen) Soldaten gegen Eingeborene, wobei Erstere in heroischer Pose auftreten und Letztere nur als dunkle Leiber wie erlegte Tiere. Die Schirn zeigt diese Bilder zum ersten Mal und stellt sie bewusst zur Schau. Es ist begrüßenswert, dass man diese Bilder weder unterschlägt noch mit moralisch belehrenden Worten unterlegt. Sie sind ein Teil sowohl von Kuhnerts Werk als auch seiner Zeit und laden zum Nachdenken ein. Selbstzensur wäre hier die falsche Entscheidung gewesen, kann man doch vom erwachsenen Besucher einen kritischen Umgang erwarten.

Ein dritter Bereich umfasst Zeichnungen, Tagebücher und Reiseberichte. Vor allem die Zeichnungen geben Aufschluss über Kuhnerts Arbeitsweise. Er hat „vor Ort“ in Afrika, teilweise unter schwierigen oder gar gefährlichen Bedingungen, Tier- und Landschaftsskizzen angefertigt, die er später im Berliner Atelier zu Bildern verarbeitet hat. Die Skizzen zeigen sein hohes zeichnerisches Können, mit dem er Bewegungen und Posen der Tiere mit wenigen Strichen festgehalten hat.

Die Kunsthalle Schirn stellt sich mit dieser Ausstellung bewusst der Diskussion über einen Künstler, den so mancher Ideologe als einer prä-faschistischen Generation zugehörig denunzieren wird und dessen durchaus imperialistische und eurozentrische Grundeinstellung den nachgeborenen Kritikern viel Stoff für scharfe Polemiken liefert. Es fragt sich nur, ob man spätere Erkenntnisse moralisierend auf Künstler früherer Epochen anwenden oder sie aus ihrer Zeit heraus verstehen sollte. Die Verantwortlichen der Schirn haben sich für Letzteres entschieden, und das ist auch gut so!

Frank Raudszus

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