„Wildnis“ – Projektionen des Unkontrollierbaren

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Eine Woche nach Eröffnung der Ausstellung „König der Tiere“ folgte in der Frankfurter Schirn die Eröffnung der Ausstellung „Wildnis“. Dass diese Parallelität nicht zufällig sondern geplant war, versteht sich angesichts der Analogie zwischen den Begriffen „Löwe“ und „Wildnis“ von selbst. Ebenso wie das so gefürchtete wie bewunderte Raubtier war und ist auch die [freie] Wildnis eine nahezu unbegrenzte Projektionsfläche für menschliche Ängste und Sehnsüchte aller Art. Schirn-Direktor Philipp Demandt und Kuratorin Esther Schlicht arbeiteten in ihrer Vorstellung diese Projektionen denn auch deutlich heraus.

Henri Rousseau: „Le Lion“

In etwa einhundert Kunstwerken vornehmlich aus dem – späteren – 19. sowie dem 20. Jahrhundert zeigt sich das komplizierte Verhältnis des Menschen zur unberührten Natur auf vielfältige Weise. War die Natur bis ins frühe 18. Jahrhundert noch der Ort der Schrecken und wilden Monster – nicht umsonst spielte das Drachen-Motiv in Mittelalter und Barock noch eine wichtige Rolle -, so nahm die Aufklärung diesen verzerrenden Angstschleier vom Gesicht der Natur und erklärte sie als ein von nachvollziehbaren und „vernünftigen“ Naturgesetzen beherrschten Raum, in dem auch der Mensch ungefährdet sich aufhalten und den er selbst gestalten kann. Folgerichtig verlor die Natur mit der Entwicklung der Dampfmaschine und der Elektrizität Anfang des 19. Jahrhunderts ihren Schrecken, zumindest für das „aufgeklärte“ Europa.

Julian Charrière: „Panorama“ – Schutthaufen als gebirgsmassiv

Dafür begann mit der Industrialisierung eine gegenläufige Idealisierung. Die frühe Industrialisierung hatte die Umwelt nicht nur gewaltig umgeformt sondern weitgehend verschandelt. Daraus erwuchs in der Romantik zwangsläufig eine Romantisierung und Idealisierung der unberührten Natur. Das beste Beispiel sind dafür die Bilder von Caspar David Friedrich oder – mit Einschränkungen – Arnold Böcklin.

Das 20. Jahrhundert nahm wiederum diese Idealisierung aufs Korn und zeigte ihren Wunschcharakter, um nicht zu sagen ihre Heuchelei. Denn die Maler verjagten den Menschen aus dieser Natur, obwohl sie selbst als Künstler unkündbar Menschen waren. Die implizite Selbstabschaffung des Menschen kann konsequenterweise nur im Suizid erfolgen, und davon waren die Künstler weit entfernt.

Max Ernst „Lebensfreunde“

Der Schwerpunkt dieser Ausstellung liegt im 20. und 21. Jahrhundert, was man durchaus bedauern kann. Denn das ironische Zitat der Romantik funktioniert nur dann, wenn man die entsprechenden Bilder als Vergleich präsentiert. So werden sie nur im allegorischen oder versteckten Zitat teilweise wieder lebendig. Dabei sind einige Bilder durchaus von einem fast derben Humor geprägt. Julian Charrière etwa zeigt wolkenverhangene Gebirgsmassive mit hoch aufragenden, „erhabenen“ Gipfeln, die sich beim genauen Betrachten als Fotos von Schutthaufen einer Baustelle erweisen. Hier unterläuft der Künstler einerseits ganz bewusst die große Geste durch die Banalität des Gegenstands, andererseits lässt er den unaufmerksamen Betrachter ebenso bewusst in der naiven Bewunderung einer vermeintlichen Erhabenheit verharren.

Andere Fotos zeigen unberührte Landschaften, in die die Künstlerin ihren Körperabdruck oder andere Hinweise auf menschliche Existenz eingebaut hat. Auch dies ist ein Verweis auf die Interaktion des Menschen mit der Natur einerseits und die Absage an eine „freie“ Natur andererseits. Dem stehen die naiven Bilder eines Henri Rousseau gegenüber, der um 1900 den Urwald und dessen Tiere im Stil naiver (Kinder-)Kunst darstellte, oder eines Max Ernst, der in den dreißiger Jahren der Natur surrealistische Züge zuschrieb. Gerhard Richter wiederum hat die Naturdarstellung mit einer ganz eigenen Maltechnik auf neue Weise wiederbelebt.

Gerhard Richter: „Tiger“

Neben den Bildern gibt es eine Reihe von Installationen, bewegten Bildern und Sound-Präsentationen, die alle einen bestimmten Aspekt der Natur in den Vordergrund stellen. So steht ein naturgetreu nachgebildeter Wolf – selbst Projektionsfläche für Angst und Freiheit – in einer Art Wildnis-Rechteck, und in einem rot ausgeleuchteten Raum empfangen den Besucher schummriger Nebel und die Geräusche schmelzenden und brechenden Grönlandeises. Eine ganze Fotoreihe wiederum zeigt die leeren Landschaften der Arktis.

Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll und facettenreich die Auseinandersetzung des künstlerischen Menschen mit der Natur, wobei allerdings die weitgehende Beschränkung auf das 20. und 21. Jahrhundert nur einen Ausschnitt dieser Auseinandersetzung präsentiert.

Frank Raudszus

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