Nicolas Remin: „Sophies Tagebuch“

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Es ist der 2. Mai 1945. Im Garten seines Hauses hebt ein Mann eine Grube aus. Anschließend schleppt er eine männliche Leiche aus dem Keller des Hauses und wirft sie in das ausgehobene Loch. Er ist so beschäftigt, dass er nicht merkt, wie ihn jemand beobachtet. Erst als der Lichtkegel einer Taschenlampe auf ihn fällt, erschrickt er, will fliehen, rutscht aber am Rand der Grube aus und stürzt auf den Toten.

Das ist der spannende Einstieg in den Roman von Nicolas Remin. Von 1945 springt der Autor in das Jahr 1989. Erika zur Linde, Lehrerin an einer Berliner Schule, erhält einen Telefonanruf der Haushälterin ihres Vaters, dass etwas vorgefallen sei. Sie solle doch bitte sofort vorbeikommen. Erika hatte kaum Kontakt zu ihrem Vater, seit dieser sie nach dem Tod der Mutter im Jahr 1959 auf ein Internat geschickt hat. Dennoch spürt sie, dass wohl etwas Ernstes geschehen sein muss. Tatsächlich hat sich eine Tragödie ereignet – ihr Vater hat sich am Schreibtisch erschossen.

Als Erika später den Nachlass ihres Vaters  Ulrich durchstöbert, stößt sie auf Tagebücher ihrer Mutter Sophie. Die jung verheiratete Sophie berichtet darin von den Anfängen der Nazi-Zeit und vom Zweiten Weltkrieg. Sie berichtet auch über Felix Auerbach, einen Juden und Freund der Familie. Während Ulrich in den Krieg zieht, wird Felix von Sophie mitbetreut, und zwischen den beiden entwickelt sich mehr als nur Freundschaft…..

Der Roman verpackt eine Familiengeschichte in verschiedene historische Umfelder: einerseits das Dritte Reich in Berlin, andererseits Mauerfall und Wende 1989/1990. Interessant zu erleben ist vor allem Erikas Wandlung von einer unscheinbaren, Breitkordhosen tragenden „grauen Maus“ im Schuldienst zu einer schicken und selbstbewussten Frau. Durch das intensive Studium der Tagebücher ihrer Mutter entwickelt sie eine neue Persönlichkeit. Als hätte die früh verstorbene Mutter in ihrem Vermächtnis der Tochter positive Energie verliehen. All das ist raffiniert erzählt und hält die Spannung bis zur letzten Seite.

Die historischen Wendepunkte – einerseits die Kapitulation 1945, andererseits der Zusammenbruch der DDR – werden hautnah aus weiblicher Perspektive erlebt. Hier beweist der Autor sehr viel Feingefühl und lässt die Leser die sehr persönlichen Schicksale von Sophie und Erika, aber auch von Ulrich und Felix miterleben.

Das Buch ist im Kindler-Verlag erschienen, umfasst 412 Seiten und kostet 20 Euro.

Barbara Raudszus

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