„Lauschangriff“ – auf die Hörgewohnheiten des Publikums

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Die Bar der Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt bietet eine ideale Plattform für intime Formate mit Gesprächscharakter. Hier kann man das übliche Theatergeschehen einmal aus anderer Perspektive betrachten – humoristisch, ironisch, bisweilen sarkastisch, abseits der üblichen Hörgewohnheiten. Konzertdirektor Gernot Wojnarowicz hat jetzt diese Möglichkeit genutzt, um die Grenzen der Musik anhand so treffender wie ausgefallener Beispiele auszuloten. Dabei verortet er seine Präsentation von Beginn an zwischen Ironie, lakonischem Witz und musikwissenschaftlichem Anspruch. Als Tonträger kommt für solch ein Format natürlich nur die gute alte Schallplatte in Frage, und Wojnarowicz hantierte dann auch – mit den üblichen technischen und feinmotorischen Anfangsproblemen – wie ein gereifter DJ mit den Tonarmen.

Konzertdirektor Gernot Wojnarowicz

„Over the top“ lautet das Motto der Veranstaltung, und das bezieht sich zum Beispiel auf die erreichbaren Gesangshöhen. Es beginnt gleich mit der Arie der „Königin der Nacht“, perfekt vorgetragen von einer Spitzensängerin. Ihr folgt dann geradezu unvermeidlich Florence Foster Jenkins, die amerikanische Milliardärin mit ebenso großer Sangeslust wie Minderbegabung. Sie wurde in den USA (und nicht nur da) gerade wegen ihrer fatalen Fehltöne zur Kultfigur der Opernszene, wobei sich die Experten noch heute darüber streiten, ob sie sich der Situation bewusst war und im Stillen das Publikum auf den Arm nahm.

Auf ähnliche, aber andere Art überschritt die Australierin(!) Mary Schneider die Grenzen, indem sie Rossinis „Wilhelm Tell“ und Bizets „Carmen“ als Jodel-Koloratur präsentierte. Technisch beeindruckend, aber mit grenzwertiger musikalischer Aussagekraft. Auf jeden Fall immer einen Lachter wert. Dagegen wirken die in höchsten Lagen förmlich herausgeschrieenenTonfolgen der Punkerin Nina Hagen aus den siebziger Jahren geradezu gruselig – was wohl auch beabsichtigt war.

Die selbsternannte Spitzen-Sopranistin Florence Foster Jenkins

Aber es gibt auch hoch singende Männer, wie „DJ Gernot“ am Beispiel der „Tosca“ (Pucchini), des „Postillon von Lonjumeau“ (Adolphe Adam) und des „Trovatore“(Verdi) deutlich belegen konnte. Hier feiert der Tenor Triumphe frei nach dem Motto „Hauptsache hoch“, wobei die Tonhöhe in gewissen Arien zum Selbstzweck wird und der Selbstinzenierung des Solisten dient(e).

Mit dem letzten Opernakkord aus dem „Trovatore“ ging es dann in die Gefilde der Pop-Musik. Tom Waits und Udo Lindenberg dienten hier als lebende Beispiele dafür, wie die Stimme auch andere Klanggrenzen sprengen kann, wobei Wojnarowicz die Rolle des Whiskys bei der Ölung der Stimmbänder hervorhob – zumindest im Fall Lindenberg. Herbert Grönemeyer überschreitet dagegen die Grenzen der Lautstärke, wenn „alle Welt auf Drogen“ ist, und anschließend präsentierte Wojnarowicz einige Beispiele hymnisch überhöhter Musik, so etwa „We are the Champions“. Hier gerinnt das Motto „Over the top“ zu dem Topos übertriebener Musik.

Letztere Charakterisierung trifft auch auf Prokofjews Klaviersonate Nr. 7 zu, die in atemberaubendem, gehämmertem Stakkato durch den Raum jagt, oder für Richard Strauss´ „Also sprach Zarathustra“ in der Filmfassung für „Odyssee 2001“. Gegen diese  Gigantomanie wirkt die Gruppe „Die Prinzen“ aus den 90ern fast schon ein wenig „out“, während die kompromisslos realsozialistische „Fabrikmusik“ des Sowjetrussen Mossolow aus den zwanziger Jahren ein dumpfes Gefühl in Bauch und Kopf hinterlässt. Die „Sex Pistols“ – ein geradezu nostalgischer Rückblick in die Siebziger mit einzigartigen Plattencovern -, die Gruppe „Nirwana“ (Curt Cobain) und die Filmmusik zu „Star Wars“ rundeten ein Programm ab, das mit trockenem Witz die Übertreibungen, Grenzüberschreitungen und Abgründe der Musik präsentierte – und parodierte.

Das Publikum zeigte sich ausgesprochen amüsiert und freut sich schon auf die nächste Folge dieser „Serie“ im Februar.

Frank Raudszus

 

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