Markus Flohr: „Alte Sachen“

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Allein dieses Buch in die Hand zu nehmen, ist schon ein haptisches Erlebnis. Ganz im Sinne des Titels „alte Sachen“ ist er in gestreiften Stoff eingeschlagen und könnte damit glatt ein Fundstück in einem alten Archiv sein. Das Etikett mit dem Buchtitel wirkt wie ein Namensschild eines Kleidungsstückes aus vergangenen Zeiten, das schwarze Fähnchen darunter wie die Kleidergröße. Man hat also ein Fundstück in der Hand und ist als Leser gespannt, was man im Roman auffinden wird.

Beginnend mit einer schaurigen Szene aus dem Zweiten Weltkrieg, in der zwei Männer in eine Grube geworfen und verbrannt werden, springt der Roman in die heutige Zeit. Rike und Iza, zwei junge Frauen, haben gerade ihr Abitur bestanden und tauchen in die Berliner Techno-Szene ein. In einem Club wollen sie tanzen, Leute kennenlernen und feiern. Rike trifft auf einen Kanadier, mit dem sie tanzt und knutscht und dabei zwei „Kügelchen“ einwirft.

Am nächsten Morgen sind ihre Freundin Iza und der Kanadier verschwunden, und Rike fühlt sich wegen der Drogen ziemlich desorientiert. Auf dem Weg zum Bus landet sie wegen eines Schwächeanfalls in einer kleinen Schneiderei und lernt dort einen jungen Israeli kennen, der ihr etwas zu trinken und eine Duschgelegenheit anbietet. Nun springt der Roman unvermittelt in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als es in Berlin noch viele jüdische Geschäfte gab. Im ehemaligen Berliner Modeviertel um den Hausvogteiplatz betrieb die jüdische Familie Rettig eine angesehene Meisterschneiderei. Hierher kam die betuchte Kundschaft, um sich ihre Kleidung entwerfen und nähen zu lassen. Der Laden lief gut, und die Rettigs waren in das soziale Geflecht der Stadt eingebunden, bis der Terror der Nazis alles zerstörte.

Terror, Flucht, Vertreibung und Zerstörung – das alles wird eindringlich anhand eines Familienschicksals erzählt. Welche Rolle die schwedische „Victoria-Gemeinde“ dabei zum Ende des Krieges spielt, wird ebenfalls deutlich. Das Berliner Modeviertel wurde jedenfalls von den Nazis systematisch niedergebrannt und damit ein renommiertes, altes Handwerk vorerst ausgelöscht.

Zurück in der heutigen Zeit erleben wir eine zarte Liebesgeschichte zwischen Rike und dem jungen Israeli. Während Rike die Liebe sucht, begibt sich Lior, gelernter Schneider aus Israel, auf die Suche nach den Spuren seiner Berliner Großeltern und deren Schneiderei.

Der Roman ist geschickt konstruiert, springt er doch immer wieder zwischen heute und den 30er oder 40er Jahren in Berlin hin und her. Doch jede lose Stoffbahn fügt sich zu einem gelungenen Ganzen zusammen. Einmal angefangen, kann man sich dem erzählerischen Sog kaum noch entziehen.

Das Buch ist im Kindler-Verlag erschienen, umfasst 492 Seiten und kostet 19,95 Euro.

Barbara Raudszus

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