Goldene Maschinen mit Putten

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„Prototypen einer neuen Spezies“ – so lautet der Untertitel der neuen Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle „Schirn“. Dieser Satz trifft den Nagel auf den Kopf, denn in dem Ausstellungssaal fühlt man sich entfernt an einen Maschinenpark des frühen 20. Jahrhunderts versetzt, mit dem feinen Unterschied, dass diese Maschinen-„Prototypen“ golden oder silbern eingefärbt sind. Wer es mit Maschinen nicht so hält, fühlt sich vielleicht an urweltliche Tiere oder Monster-Insekten aus einem SF-Film erinnert. Kurz: diese Ausstellung weckt verschiedenste Arten von Assoziationen, die nicht unbedingt etwas mit „Kunst“ zu tun haben müssen.

Putten auf einer Rutschbahn

Bruno Gironcoli wurde 1940 geboren, durchlief eine Ausbildung zum Goldschmied, studierte dann Kunst und kam über Zeichnung und Malerei zur Bildhauerei. Von 1977 bis 2004 leitete er den Bildhauerei-Bereich der Akademie der Künste in Wien, und er verstarb im Jahr 2010. In Österreich ist er eine bekannte Größe der Bildhauer-Szene, in Deutschland war er bisher jedoch nur Insidern bekannt. Dieser Asymmetrie der Sichtbarkeit hat die Kunsthalle Schirn mit der vom 14. Februar bis zum 12 Mai 2019 laufenden Ausstellung jetzt ein Ende gesetzt.

Die Organisation dieser Ausstellung war durchaus nicht trivial, was daran zu erkennen ist, dass andere Museen schon Wände einreißen mussten, um Gironcolis Werke zeigen zu können. Als Professor für Bildhauerei in Wien verfügte Gironcoli über derart großzügige Atelierräume, dass er seiner formalen Phantasie vor allem hinsichtlich der Größe freien Lauf lassen konnte. Die in der Schirn ausgestellten Werke bewegen sich durchweg im Größenbereich von PKWs und kleineren Lastwagen, um einmal einen profanen Vergleichsmaßstab anzuwenden.

Assoziation einer Druckerpresse

Kuratorin Dr. Martina Weinhart betonte bei der Eröffnung den „Installations“-Charakter dieser Skulpturen. Sie sind modular aus einer Reihe von wiederkehrenden Elementen zusammengesetzt, die bei jeder Skulptur in anderen Konstellationen oder Ausprägungen auftreten können. Dazu gehören etwa die Säuglingsfiguren, die ein wenig wie barocke Putten anmuten, aber über ihre naturalistische Darstellung hinaus zusätzliche Phantasie-Elemente oder gezielte nicht-naturalistische Abweichungen enthalten. Dabei transportieren diese Werke keine erkennbare politische oder gesellschaftliche Botschaft geschweige denn Kritik. Man muss sich diese als verborgenen Inhalt vorstellen, den erst das Auge des Betrachters aus subjektiver Perspektive identifiziert. Gironcoli hat sich in den sechziger Jahren intensiv mit dem Marxismus und der Frankfurter Schule (Adorno!) auseinandergesetzt und daraus seine Schlüsse gezogen, ohne sie plakativ in seinen Skulpturen umzusetzen. Er reagierte jedoch auf die neuen gesellschaftlichen Theorien insofern, als er dem herkömmlichen Bild der Bildhauerei und der Skulptur ein völlig neues, performatives Konzept entgegensetzte. Den bürgerlichen Betrachter und die dazugehörige Kunstkritik stellte er damit vor Interpretationsprobleme. Gerade der Verzicht auf vordergründige Botschaften macht die Entschlüsselung dieser Werke so problematisch. Man kann darin einen provokativen Kommentar zu der Maschinenkultur des Kapitalismus sehen, aber auch den Tanz um das „goldene Kalb“ – siehe die goldene Einfärbung. Die Säuglingsfiguren – oft liegend und ohne Augen – ließen sich als das Leid der nachgeborenen Generation interpretieren.

Erinnerungen an die Mondlandung…

Gironcoli selbst hat den meisten seiner Skulpturen noch nicht einmal einen Titel gegeben, geschweige denn eine eigene Interpretation nachgereicht. Er hat sich jedoch stark an Samuel Beckett und dessen endzeitlicher Vergeblichkeitsliteratur ausgerichtet. Daher stammt auch der „Murphy“, ein Element, das die meisten Skulpturen krönt. Es leitet sich ab von dem Protagonisten aus Becketts erstem und gleichnamigem Roman, der seine Tage nackt in einem Schaukelstuhl zubringt und jegliche „sinnvolle“ weil produktive Arbeit verweigert. Doch auch dieses Element lässt sich aus Becketts Literatur nicht verlustlos in Gironcolis Skulpturen übertragen. „Murphy“ bleibt damit eine enigmatische Komponente in Gironcolis Werk; aber Kunstwerke gewinnen oft ihre volle Bedeutung durch unauflösbare Rätsel – siehe das Lächeln der Mona Lisa.

Details hinsichtlich Öffnungszeiten und Beiprogramm sind der Webseite der Kunsthalle Schirn zu entnehmen.

Frank Raudszus

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