Gretchen Dutschke, 1968 Worauf wir stolz sein dürfen

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Mit ihrem 2018 erschienenen Buch „1968 – Worauf wir stolz sein dürfen“ liefert Gretchen Dutschke eine zusammenfassende Übersicht über die Entwicklung der Studentenbewegung und deren gesamtgesellschaftliche Auswirkungen.

Die Autorin verknüpft in ihrer Darstellung ihre persönliche Geschichte als Partnerin und Ehefrau Rudi Dutschkes mit den politischen Zielen und Hoffnungen großer Teile der jungen Generation der 60er Jahre. Sie gliedert die Darstellung der Bewegung nach den wichtigsten Ereignissen und Entwicklungsschritten, so dass die Motivation für die zunehmend revolutionäre Einstellung vieler junger Menschen nachvollziehbar wird.


Sie siedelt den Beginn einer neuen Politisierung der jungen studentischen Generation beim Mauerbau von 1961 und der damit gegebenen Eskalation des kalten Krieges an. Das habe zur Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen politischen Systemen in Ost und West geführt und zu der pazifistischen Forderung, dass es „nie wieder Krieg“ geben dürfe.

Der Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 habe dann vielen jungen Menschen die Greuel des Nazi-Regimes erst wirklich zu Bewusstsein gebracht, über die Eltern und Lehrer meist geschwiegen hätten. Als besonders empörend hätten sie die Tatsache empfunden, dass alte Nazi-Größen in der BRD in Amt und Würden saßen, und zwar in nahezu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Dieses neue Bewusstsein sowie der brutale Krieg der Amerikaner in Vietnam und die herrschende verlogene Moral habe den Protest gegen die Elterngeneration und die Kritik an den politischen Verhältnissen herausgefordert.
Theoretisch setzte man sich mit den Vertreten der kritischen Theorie – Marcuse, Adorno, Habermas – auseinander, und man las Marx und Lenin.

Der Schahbesuch in Berlin am 2. Juni 1967 markierte den Wendepunkt. Gretchen Dutschke beschreibt sehr eindringlich die aus heutiger Sicht völlig überzogene, politisch so gewollte Polizeiaktion gegen die Demonstranten. Der Tod von Benno Ohnesorg veränderte dann alles: Die Politisierung erfasste nun weite Teile der Studentenschaft.

Aus dem Abstand von 50 Jahren erscheint Gretchen Dutschke der damalige Idealismus, der Glaube an eine gesellschaftliche Revolution und die Hoffnung auf eine Welt ohne Herrschaft des Kapitals und ohne Krieg illusionär. Damals aber habe der Kampf gegen die herrschenden autoritären Strukturen und deren Vertreter insbesondere die linke Studentenschaft beflügelt und zu Aktionen auf allen Ebenen geführt. Rudi Dutschke sei dabei die Rolle eines Kommunikators zugefallen, dessen Ziel es war, die Bewegung zu einen und so stark zu machen.

Der Protest äußerte sich innerhalb der Universitäten gegen den „Muff von 1000 Jahren“ unter den Talaren, außerhalb der Universität gegen Notstandsgesetze, gegen die „Fake News“ der Springer-Presse und zunehmend gegen das kapitalistische System als Ganzes.

Die Autorin sieht ein großes Problem darin, dass es keine einheitliche Bewegung war, sondern dass sich früh einzelne Gruppen abspalteten, wie etwa die Kommune 1 um Fritz Teufel und Rainer Langhals, denen es um die Befreiung der Sexualität von der herrschenden verklemmten Moral ging, weniger um den politischen Kampf.

Mit dem Attentat auf Rudi Dutschke im Jahre 1968 verlor die politische Studentenschaft einen ihrer führenden Köpfe. Die Bewegung zerfiel in viele kleine Splittergruppen, die Frage der Legalität von Gewaltanwendung schied die Geister. Die Bildung der RAF um Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhoff und Andreas Baader steht für die Radikalisierung und die Gewaltbereitschaft, von der sich die meisten anderen Gruppen distanzierten, auch Rudi und Gretchen Dutschke.

Sehr bewegend schildert die Autorin, wie sich das Leben ihrer Familie nach dem Attentat veränderte und mit welcher Willenskraft Rudi um die Wiederherstellung seiner Kräfte und um die Wiederaufnahme seiner politischen Aktivitäten kämpfte.

Das war ihm jedoch nur begrenzt möglich, und schließlich hatte er auch den Anschluss an die Debatte verloren. Für Gretchen Dutschke war Rudi ein großer Visionär und Idealist, dem es um die politische Veränderung ging, weniger um antibürgerliche Lebensformen, zumal die Dutschkes als Ehepaar mit zwei Kindern sich nicht allzu sehr von einer bürgerlichen Familie unterschieden. Gretchen Dutschke geht es jedoch entschieden darum klarzumachen, dass sie und Rudi auf Augenhöhe lebten und diskutierten, Rudi sich damit von dem machohaften Gebaren vieler Genossen unterschied.

Wie der Titel schon deutlich macht, sieht sie auch im Rückblick die positiven Effekte einer Bewegung, die in sich oft illusionär und realitätsfern gewesen sei:
Das Aufbrechen einer verlogenen Sexualmoral mit Kuppeleiparagraphen und der Machtstellung des Mannes in der Ehe führte zu einem neuen Familien- und Eherecht.

Aus der Protestbewegung, die zunächst eine männliche war, in der sich die Männer wie ihre Väter über die Frauen erhoben und Genossinnen, die sich politisch äußerten, verlachten, entwickelte sich die Frauenbewegung, die ein neues Selbstbewusstsein der Frauen auf allen Ebenen forderte und die Befreiung der Frau von männlicher Unterdrückung erkämpfte.

Auch die Pädagogik wurde revolutioniert: In Berlin wurden die ersten Kinderläden gegründet, die antiautoritäre Bewegung orientierte sich an der Psychoanalyse und an den reformpädagogischen Ansätzen der 20er Jahre.

Die Liberalisierung der Lebensformen und die Hinterfragung von autoritären Hierarchien im öffentlichen wie im privaten Bereich sind für Gretchen Dutschke die größten Errungenschaften der studentischen Revolte.

Insgesamt ist das ein sehr lesenswertes Buch, und zwar sowohl für die Generation, die selbst ein Teil dieser Bewegung war, als auch insbesondere für die Nachgeborenen. Gretchen Dutschke räumt auf mit falschen Mythen und gibt stattdessen ein kritisch-abgeklärtes Bild der gesamten Bewegung. Gleichzeitig ist das Buch eine Hommage an den mit 39 Jahren an den Folgen des Attentats verstorbenen Rudi. Nach einem der selten gewordenen epileptischen Anfälle ertrank er in der Badewanne.

Noch heute steht Gretchen Dutschke zu der grundsätzlichen Kapitalismus-Kritik, wie sie es im Epilog formuliert: „Ich glaube immer noch, dass es im Kapitalismus keine vollständige Demokratie geben kann. Die Kritik der 68er an dem globalen Wirtschaftssystem bleibt gültig, auch wenn das Ziel nach all den historischen Erfahrungen nicht mehr Sozialismus heißen muss. Auch Rudi hatte da zuweilen Zweifel.“
Welche Alternative zu unserem heutigen System ihr vorschwebt, verrät sie jedoch nicht.

Das Buch ist im Verlag kursbuch.edition erschienen, hat 226 Seiten und kostet 22 Euro.

Elke Trost

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