Christoph Ramsmayr, Cox oder Der Lauf der Zeit

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Der 2016 erschienene Roman „Cox oder der Lauf der Zeit“ des österreichischen Schriftstellers Christoph Ramsmayr entwirft ein Bild der chinesischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert zur Zeit des Kaisers Qianlong, der in seiner Vermessenheit auch über den Verlauf der Zeit gebieten will.
Im Mittelpunkt der Romanhandlung steht der weltweit bekannte englische Uhrmacher Alistar Cox, der von Qianlong nach China eingeladen wird, um dort für den Kaiser Uhren zu bauen, die den unterschiedlichen Verlauf der Zeit anzeigen können.


Alistar Cox nimmt das Angebot an, das eine unsichere Seereise und auch unsichere Verhältnisse in China bedeutet, in der Hoffnung über sein persönliches Leid hinwegzukommen. Nach dem Tod seiner über alles geliebten fünfjährigen Tochter hat seine Frau das Sprechen eingestellt und sich von ihm zurückgezogen.


Mit seinen drei besten Mitarbeitern macht er sich auf den Weg.
Schon bei der Ankunft im Hafen von Hang Zhou erleben die europäischen Gäste die Allmacht des Kaisers. Was den Ankömmlingen von der Ferne zunächst wie ein Fest erscheint, erweist sich beim Blick durch das Fernrohr als die bestialische Verstümmelung von Schuldigen als Volksbelustigung.
Ramsmayrs lässt von Anfang an keinen Zweifel an der gottgleichen Erhabenheit und Unantastbarkeit dieses Kaisers, dessen Willen und Launen, aber auch dessen Wünsche und Sehnsüchte das gesellschaftliche und politische Leben des Landes bestimmen.


Unglaubliche Schönheit in allen Lebensbereichen und wunderbarste Kunstwerke, feinste Poesie und Kalligrapie, die auch der Kaiser selbst betreibt, stehen in Kontrast zu bestialischen Bestrafungen schon kleinster Verfehlungen.
In diese Welt kommen die europäischen Gäste, die in der verbotenen Stadt in prunkvollen Räumen einquartiert werden und eine bestens ausgestattete Werkstatt erhalten.


Der erste Auftrag ist die Herstellung einer Uhr, die die Zeit und die Zeitwahrnehmung eines Kindes anzeigt. Ramsmayr lässt Cox einen erlesenen Automaten herstellen, der mit ausgeklügeltster Technik die Zeit einmal schnell, dann wieder ganz langsam vergehen lässt, dann – wie es einem Kinde geschieht – auch einmal stillsteht. Dabei werden den Engländern die kostbarsten Edelsteine und die ausgefallensten Materialien zur Verfügung gestellt; auch die scheinbar abwegigsten Wünsche werden erfüllt.


Gleichzeitig aber müssen sich auch diese höchstqualifizierten Künstler jederzeit den Ritualen und den Geboten und Verboten des Hofes unterwerfen: Nichts hören, nichts sehen, nichts sprechen, was in irgendeiner Weise gefährlich sein könnte. Und das sind alle Dinge, die den Schein von immerwährender Harmonie und Schönheit in der verbotenen Stadt stören könnten: Die Qual der Arbeiter und Lastenträger, Krankheit, Sterben und Tod zu sehen, zu kommentieren, gar zu kritisieren wäre tödlich.


So müssen die Uhrmacher auch die Arbeit an der Kindheits-Zeit-Uhr abbrechen, als der Kaiser nun eine Uhr fordert, die die Zeit der Sterbenden anzeigt. Und schließlich soll es dann eine Uhr sein, die ewig laufen wird.


Was den Bau von Automaten und Uhren anbetrifft, scheint Cox mindestens so allmächtig zu sein wie der Kaiser. Es gelingt ihm tatsächlich in monatelanger – oder jahrelanger? – Arbeit, ein solches Wunderwerk zu erschaffen. Für den Bau dieses Automaten lässt der Kaiser sogar die Zeit anhalten. Aus dem Sommerquartier kann der Hof nicht aufbrechen, solange das Werk nicht vollendet ist. Also bleibt es offiziell Sommer, auch wenn draußen Eis und Schnee herrschen.


Für den Meister Cox verbindet sich die Arbeit an den Automaten mit seiner persönlichen Geschichte. In den unterschiedlichen Zeitläufen erkennt er die Welt seines Kindes wieder, die Liebe zu seinem Kind dokumentiert sich in der Erlesenheit der Materialien und der Zartheit der Formen. Die Arbeit selbst wird so zu einer Art Selbsttherapie. Das Gefühl der Nähe zu dem verstorbenen Kind ist sogar stärker als die Ehrfurcht gegenüber dem Kaiser, als dieser sich höchstpersönlich von dem Stand der Arbeiten mit einem Besuch in der Werkstatt einen Eindruck verschaffen will. Cox löst sich hier innerlich von der Anerkennung der übermenschlichen Größe des Kaisers.


Die Vollendung des Wunderwerks stellt die Uhrmacher vor eine existenzielle Frage: Wie können sie einen Automaten präsentieren, der ewig läuft und damit den „Herrscher der 10000 Jahre“, wie der Kaiser auch genannt wird, überdauern wird? Würden sie bei der Überreichung des vollendeten Werks der Majestätsbeleidigung bezichtigt und vielleicht mit dem Tod bestraft werden?


Der Ausgang soll hier nicht verraten werden.
Wohl aber, dass Ramsmayr ein hinreißender Roman gelungen ist, der sich streckenweise wie ein Krimi liest. Die minutiöse Beschreibung der von den Uhrmachern erschaffenen Kunstwerke lässt die ganze Pracht dieser märchenhaften Gebilde vor den Augen der Leser erscheinen. Die Welt des Kaisers Qianlong ist von erlesenster Kultur, gleichzeitig aber schwebt über jedem Mitglied des Hofstaates das Damoklesschwert eines möglichen Vergehens und damit der Gefahr der brutalsten Bestrafung.


Wer aber meint, Ramsmayr wolle hier nur die Brutalität eines weitentfernten Landes vorführen und ein zivilisiertes Europa dagegen stellen, der irrt. Cox erinnert seine Mitarbeiter daran, welche barbarischen Bestrafungsmethoden in ihrer zivilisierten Heimat existieren, dass auch dort Armut und Not in den sozial niedrigen Schichten herrschen, dass die Unterdrückten und Ausgebeuteten dort ebenso wenig beachtet werden wie im fernen China.


So liest sich dieser Roman auch als Parabel auf autoritäre Herrscher – vergangene wie gegenwärtige -, die mit Zuckerbrot und Peitsche regieren, die „Brot und Spiele“ als Manipulationsmethoden für Wohlverhalten verwenden.
Die totale Überwachung jedes einzelnen Bürgers ist in Qianlongs Reich durch ein perfektioniertes System der Bespitzelung gewährleistet. Heute leisten das die digitalen Überwacher.

Wohlleben hat seinen Preis.

China zeigt sich in diesem Roman nicht nur als ein Land der höchsten kulturellen Verfeinerung und der ästhetischen Harmonie, auch im Einkauf und Weiterentwicklung technischer Spitzenprodukte aus Europa zeigt es sich früh als weltweit agierender Riese.


Wie soll der Europäer auf dieses Land reagieren? Cox geht das Risiko ein: Er kann viel Geld verdienen, er kann aber auch alles verlieren, sogar das Leben.
Wie es für Cox ausgeht, erfährt der Leser, der bis zum Schluss durchhält, was ihm mühelos gelingen sollte!

Der Roman ist 2016 im Fischer-Verlag erschienen, hat in der gebundenen Fassung 304 Seiten und kostet 22 Euro.

Elke Trost

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