Annie Ernaux: „Der Platz“

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Die autobiographische Erzählung „Der Platz“ von Annie Ernaux, die auf Französisch bereits 1983 unter dem Titel „La Place“ erschienen ist, liegt jetzt in der neuen deutschen Übersetzung von Sonja Fink vor.

„La Place“ ist die erste autobiographische Erzählung von Annie Ernaux, die bei uns bis zum Erscheinen der deutschen Übersetzung von „Les Années (1988)“ unter dem Titel „Die Jahre“ im Jahr 2017 fast unbekannt war.

Annie Ernaux reiht sich ein in die Gruppe der französischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen wie Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“), Edouard Louis („Im Herzen der Gewalt“, Nicolas Mathieu („Wie später ihre Kinder“), die in autobiographischen Erzählungen über die Erfahrungen mit dem sozialen Aufstieg aus der Arbeiterklasse berichten.

Annie Ernaux` Erzählung kreist um die Figur ihres Vaters, Jahrgang 1899, der schon mit 12 Jahren die Schule verlassen muss. Ihr Großvaters, selbst Analphabet, bringt den Sohn auf demselben Hof unter, wo er als Fuhrmann arbeitet.

Der Vater stirbt mit 67 Jahren. Sein Tod ist für die Erzählerin Anlass, dem Leben des Vaters nachzuspüren, insbesondere auch dessen Bedeutung für den eigenen Wunsch nach Ausstieg aus dessen Lebenswelt und nach sozialem Aufstieg.

Zwei Monate vor seinem Tod besteht sie das Examen für den Schuldienst am Gymnasium. Auf der Rückfahrt von der Beerdigung in der ersten Klasse wird ihr bewusst, welche „Klassendistanz“ sich seit ihrem Besuch des Gymnasiums zwischen sie und ihren Vater gelegt hat. Fast erschrocken erkennt sie, dass sie „nun wirklich zum Bürgertum“ gehört und dass es zu spät ist, ihm das zu erklären. Das ist der Impuls, sich über das Leben ihres Vaters klar zu werden.

Die Kindheit des Vaters ist von Armut geprägt, die Eltern arbeiten hart. Trotz der eingeschränkten Verhältnisse hat die Großmutter einen Hang zum Höheren: Sie kann lesen und schreiben, an Festtagen trägt sie ein besonderes Kleid, und sie pinkelt nicht im Stehen wie die meisten Frauen vom Land.

Die kurze Schulzeit des Vaters wird ständig unterbrochen durch Ernteeinsätze und andere Arbeitsaufträge, dennoch lernt er einwandfrei lesen und schreiben.

Im ersten Weltkrieg wird er als junger Bursche noch zum Wehrdienst eingezogen und kommt so in Kontakt mit der großen Welt in Paris. Danach zieht ihn nichts mehr in die Landwirtschaft, es bleibt nur die Fabrik.

Er verheiratet sich früh, man lebt in einer Arbeitersiedlung. Seine Frau ist schließlich die treibende Kraft, aus der Arbeiterklasse auszubrechen. Sie erwerben einen kleinen Kolonialwarenladen, der Vater legt den Blaumann ab. BAld aber gehen die Geschäfte nicht mehr gut, weil zu viele Menschen anschreiben lassen, der Vater muss wieder eine Fabrikarbeit in einer Ölraffinerie annehmen.

Damit beginnt für ihn das Leben zwischen den Welten: Halb Arbeiter, halb Händler, immer bemüht, seinen „Platz zu halten“.

Der zweite Weltkrieg zerstört noch einmal diese Existenz, aber es gelingt den Eltern, ein neues Geschäft mit Kneipe aufzumachen. Er macht die Kneipe, sie den Laden. Äußerlich sind sie im Kleinbürgertum angekommen. Aber ihr Leben bleibt geprägt von der Sorge darum, was die Leute sagen. Man hat keinen individuellen Geschmack, vielmehr richtet man sich danach, was „üblich“ ist, immer mit der Angst, fehl am Platze zu sein und sich schämen zu müssen, etwa wenn man beim Notarvertrag nicht weiß, wie man unterschreiben muss. Ständig wird das Bemühen um sozialen Aufstieg torpediert durch die Hürden, die die gebildete bürgerliche Welt aufbaut.

Das verschärft sich, als die Tochter das Gymnasium besucht und dann sogar ein Stipendium erhält, das ihr ein Studium der Literaturwissenschaft ermöglicht.

Das bringt den Vater in den Zwiespalt von einerseits Stolz und Hoffnung darauf, dass die Tochter einmal besser leben wird. Andererseits aber ist das verbunden mit der Scham vor der Umwelt, die mit Neid und Missgunst reagiert, weil man meint, sie seien reich und ihre Tochter privilegiert. Aber man kann nicht zugeben, dass die Tochter ein Stipendium erhält, denn das hieße in den Augen der anderen, dass der Staat sie fürs Nichtstun bezahlt.

Annie Ernaux erkennt erst nach dem Tod des Vaters diesen Zwiespalt, den sie nur aus äußerem Verhalten und äußeren Gegebenheiten ablesen kann, denn Gespräche über Gefühle oder gar Diskussionen gibt es nicht, sie würden den Vater auch überfordern.

Darin liegt das Problem des Schreibens: Wie sich dem Vater nähern, wenn man ihn gar nicht richtig gekannt hat? Wie das Individuelle von dem Typischen der Klassenzugehörigkeit trennen? Sie versteht am meisten über den Vater, wenn sie das Verhalten, die Unsicherheiten, die Sprache ihr fremder Menschen beobachtet, in denen sie ihn wiedererkennt.

Nicht zuletzt sind es die eigenen Erfahrungen auf dem Weg des eigenen Aufstiegs durch Bildung. Überall stößt sie auf die Codes der bürgerlichen Mittelschicht, die sie sich mühsam erringt, während andere sich ihrer ganz selbstverständlich bedienen.

So beobachtet sie den Vater, wenn sie ihre Freundinnen oder ihren späteren Ehemann mit nach Hause bringt. Natürlich hat sie sie darauf vorbereitet, dass sie aus „einfachen Verhältnissen“ kommt. Dennoch fühlt sie die Peinlichkeit der Situation, wenn der Vater sich um weltmännisches Verhalten bemüht und gerade in diesem Bemühen den Proletarier erkennen lässt.

Erst nach seinem Tod wird sie sich ihres eigenen zwiespältigen Umgangs mit ihm und der Mutter bewusst. Warum sich der Eltern schämen, wenn sie ihr doch den Aufstieg, wenn auch nicht materiell, wohl aber durch ihre Haltung ermöglicht haben?

Ernaux‘ Anliegen ist es, ganz nach den „gehörten Wörtern und Sätzen“ zu schreiben, denn gerade sie drückten die Grenzen der Welt aus, in der der Vater gelebt hat: „Eine Welt, in der man alles wörtlich nimmt“.

Peinlich ist ihr eher, dass die Mutter sich um „gewählte Sprache“ bemüht, dabei aber doch nur mehr oder weniger verstandene Versatzstücke gutbürgerlicher Kommunikation als Sprachhülsen benutzt. Der Vater lebt eher in der Angst vor dem falschen Wort, in bestimmten Situationen schweigt er lieber, statt ein Vokabular zu benutzen, das nicht seins ist.

Immer wieder unterbricht Annie Ernaux den Erzählprozess, um über ihr Schreiben selbst zu reflektieren. Gegen Ende formuliert sie den Zweck ihres Schreibvorhabens: „Das Erbe ans Licht zu holen, das ich an der Schwelle zur gebildeten bürgerlichen Welt zurücklassen musste“.

Das ist ein großes Bekenntnis zu ihrer Herkunft, das Scham und Verheimlichung überwunden hat und die Erfahrungen aus beiden Welten als Substrat der eigenen Entwicklung anerkennt.

In einer Art Epilog fasst sie in drei Aussagen ihre neue Sicht auf den Vater zusammen:

„Er fuhr mich auf dem Fahrrad zur Schule. Ein Fährmann zwischen zwei Ufern, bei Sonne und Regen.“

„Vielleicht sein größter Stolz, sogar sein Lebenszweck:  dass ich eines Tages der Welt angehöre, die auf ihn herabgeblickt hatte.

„Er sang: C’est l’avion qui nous mène on rond.“

Gibt es eine schönere Huldigung des Vaters?

Wer Annie Ernaux‘ Erzählung konzentriert liest – ich habe sie gleich zweimal gelesen –, wird erkennen, mit welcher sprachlichen Sensibilität sie die Lebenswelt der Eltern entwickelt, nicht um sich zu distanzieren, sondern um zu verstehen und anzunehmen. Das ist eine großartige Leistung.

Das Buch ist im Suhrkamp Verlag erschienen, 95 Seiten und kostet 18 Euro.

Elke Trost

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