Irisches Frühlingserwachen in Bensheim

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Beim obligatorischen „Irish Spring“ der „Sommerfestspiele Bensheim-Auerbach“ spielen drei temperamentvolle Gruppen auf.

Den Beginn der Bensheimer Sommer-Festspiele, begründet und vorangetrieben vom rührigen Klaus-Peter Becker, markiert jedes Jahr der mittlerweile berühmte „Irish Spring“. Zu diesem Eröffnungsabend lädt Becker jedes Mal irische Folk-Gruppen, die den Zuhörern mit Geige, Gitarre und Gesang das irische Lebensgefühl nahebringen. An diesem Abend traten die Gruppen „The Southgate Band“, „Keeva“ und „Vishten“ auf, wobei man bei letzterer den irischen Bezug schon weit dehnen muss, denn sie kommt aus dem Osten Kanadas. Na ja, schließlich trennt diese Region nur Wasser von Irland …

The Southgate Band

The Southgate Band

Auch die erste Band mit dem „Southgate“-Namen ist keine rein irische Band. Kontrabassist Andrew Laking stammt aus Neuseeland, die Gitarristin Bethany Waickmann aus den USA. Nur die Geigerin Patricia Clark ist echte – rothaarige! – Nordirin. Allen drei ist jedoch die Liebe zu der irischen Folk Music gemeinsam. Und die präsentieren sie mit viel Temperament und Enthusiasmus. Typisch für diese Musik sind die scheinbar endlos wiederkehrenden Melodien der Geige, die in ihrer ostinaten Beharrlichkeit oftmals ein die „minimal music“ eines Philip Glass erinnern. Andrew Laking singt zur Abwechlsung auch einmal zur Gitarre im Duett mit bethany Waickmann und sorgt dadurch für musikalische Abwechslung. Die Besonderheit dieser gruppe besteht jedoch in ihrem Tänzer Nic Gareis. Dieser junge Mann aus Michigan (USA) verfügt über ein besonderes Talent des leichten  Tanzes und erinnert stark an die Stepp-Tänzer der dreißiger Jahre. Doch im Gegensatz zu diesen hat er sein repertoire erweitert. Er klackt nicht nur mit dem Füßen bzw. Schuhen, sondern zaubert eine Reihe weiterer Geräusche auf dem unterlegten Tanzbrett, die an ein ganzes Schlagzeug-Instrumentarium mit Becken und leichten Trommeln erinnern. Als Höhepunkt seiner scheinbar spontanen Auftritte streut er echten Sand aus Michigan auf das Tanzbrett und erzeugt darauf reibende, kratzende Klänge. Seine Tanzkunst beeindruckt dermaßen, dass ihm die Gruppe auch mal ein längeres Solo ohne musikalische Untermalung gönnt.

Die Gruppe "Keeva"

Die Gruppe „Keeva“

Die Gruppe „Keeva“ besteht aus vier jungen Männern, deren „spiritus rector“ Alan Doherty selbst virtuos die Flöte spielt und als gebürtiger Dubliner mit seiner deutschen Frau ausgerechnet in Halle lebt und dort eine „Folk Music Schule“ betreibt. Das macht ihn bei Auftritten in Deutschland automatisch zum Sprecher der Band, eier Rolle, die er mit guten Deutschkenntnissen, viel Humor und gekonnten verbalen Einlagen ausfüllt. Mit ihm singt und spielt – an der Gitarre – Daoiri Farrel, den Doherty extra für die Deutschland-Tournee angeheuert hat. An der – wie gesagt obligatorischen – Geige brilliert Tola Custy, der laut einem Gerücht, das Alan Doherty gekonnt in Szene setzte,  sein langes Prachthaar an perückenmacher verkauft. Der vierte Mann im Bunde ist der Gitarrist Gerry Paul, der auf diesem Instrument wahre Wirbelstürme erzeugt. Diese Vier sorgten in Bensheim für Tempo, Witz und viele Show-Effekte, und die „Southgate Band“ wirkte dagegen zwar nicht bieder, aber eher kammermusikalisch. Das Schöne an diesem Abend war, dass die Bands sich auch untereinander gut vertrugen und sich gegenseitig integrierten. So fand Nic Gareis auch bei Keeva ein Eckchen, um seine tänzerischen Fähigkeiten vorzuführen, und die Band gewährte ihm diesen Auftritt offensichtlich sehr gerne und hatte ihren Spaß daran. Am meisten gefiel es den vier Musikern aber, wenn sie richtig loslegen konnten und das Lebensgefühl eines Volks musikalisch interpretierten, das über Jahrhunderte an der einen Seite nur die wilde See und auf der anderen das ungeliebte England kannte. Diese geographische Entkopplung von Europa hat auch dazu geführt, dass sich der typische irische Stil mit seiner teilweise wilden und rebellischen Melancholie so unverfälscht erhalten konnte.

1403_vishtenDie Gruppe „Vishten“ aus dem östlichen Kanada schließlich besteht aus den beiden Schwestern Pastelle (Akkordeon, Gesang) und Emmanuelle (Percussion, Gesang)  LeBlanc und Pascal Miousse (Geige, Gesang). Die drei zelebrieren eine franco-irische Variante des Folk Songs, aus dem man deutlich die Verwandschaft zum französischen Chanson  heraushört. Nach zwei eher typisch irischen „Folk Music“-Bands war dies eine wohltuende Abwechslung, denn die Gruppe „Visjten“ brachte nicht nur das für das Chanson typische Akkordeon auf die Bühne sondern auch französische Texte, die das Publikum nach kurzer Anweisung auch mitsang – wenn auch mit einigen sprachlichen Schwierigkeiten. Auch „Vishten“ konnte mit einer musikalischen Besonderheit aufwarten. So platzierten sich die beiden Schwester nebeneinander auf zwei Stühlen auf der Tanzplatte von Nic Gareiss und führten einen fast schon akrobatischen Fußtanz auf, der ein ganzes Schlagzeug-Instrumentarium ersetzte.

Der Tänzer Nic Dareiss

Der Tänzer Nic Dareiss

Zum Abschluss des Abends traten alle drei Gruppen noch einmal gemeinsam auf und improvisierten aus dem Stand ein gemeinschaftliches Konzert mit vielen witzigen Einfällen und spontanen musikalischen, tänzerischen und unterhaltenden Einlagen. Es wurde viel gelacht, das Publikum wurde einbezogen, und dessen spontaner Beifall motivierte die Musiker zu noch weiteren musikalischen und humoristischen Einlagen. Am ende konnte man mit brecht sagen, dass der „Irish Spring“ wieder einmal ein voller Erfolg war – ausverkauftes Haus! – und als Auftakt der Sommer-Festspiele Bensheim-Auerbach ein gutes Omen waren.

Frank Raudszus

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