Bach c´est moi!

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Der Franzose Pierre-Laurent Aimard interpretiert beim Rheingau-Musik-Festival Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ auf eigenwillige Weise.

In den beiden „Bach-Klaviernächten“ im Juli präsentierte das Rheingau-Musik-Festival gleich zwei französische Pianisten, die sich Bachs „Wohltemperierten Klaviers“ annahmen: erst den jungen  David Fray und dann den knapp fünfundzwanzig Jahre älteren Pierre-Laurent Aimard. Daraus ergab sich ein fast unmittelbarer Vergleich der Interpretationen, der nur dadurch eingeschränkt wurde, dass Fray nur die ersten acht Präludien und Fugen aus dem ersten Band spielte, während Aimard an einem einigen Abend den gesamten Band vortrug.

Pierre-Laurent Aimard beim Spiel im Kloster Eberbach

Pierre-Laurent Aimard beim Spiel im Kloster Eberbach

Man kann Aimards Auffassung von Bachs Zyklus im Grunde genommen bereits aus dem ersten Präludium in C-Dur ableiten, das er seinem Solokonzert gewissermaßen als „Motto“ voranstellte, als wolle er sagen „So sehe ich Bach“. Dieses einfache Präludium, das Klavierschüler als eine der ersten Übungen lernen und das gerne in gleichmäßigem, fast jenseitig-strengem Tempo interpretiert wird, lud er vom ersten Ton mit Bedeutung auf. Mit extensivem Rubato und tiefem Anschlag vor allem der ersten Takttöne im Bass verlieh er diesem Präludium eine subjektive Färbung und geradezu emphatische Tiefe, wie man sie bei diesem Stück nicht kennt. Aimard bezog damit gleich zu Beginn eindeutig Stellung zu der uralten Diskussion, ob Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ nun abgeklärt und distanziert, sozusagen mit erhabener Strenge, oder mit menschlich-emotionalem Ausdruck gespielt werden solle.

Nach dem Aimard dem Publikum diese seine Philosophie verdeutlicht hatte, ging er durch die einzelnen „Nummern“ dieses Bands. Die Fugen lassen sich nicht ganz so frei und subjektiv spielen, da ihnen ein strenger, fast mathemathischer Aufbau eigen ist. Doch auch diese füllte er, soweit es ging, mit Betonungswechseln, Tempoänderungen und bewusst eingesetzten kleinen Ritardandi und Pausen. Das C-Moll-Präludium servierte er mit hohem Tempo und ausgeprägter Brillanz im „Presto“-Teil, die nachfolgende Fuge durchgängig ohne Legato mit klar voneinander abgesetzten Noten. Das Cis-Dur-Präludium kam mit Eleganz, ja fast schon wie „galante französische Musik“ daher, während er der dazugehörigen Fuge markante Züge verlieh.

Ein besonderer musikalischer Leckerbessen war das cis-Moll-Duo: das Präludium servierte Aimard besonders innig, fast schon romantisch, während er der Fuge eine geradezu religiöse Weihe verlieh. Das Präludium in D-Dur nahm er schnell und mit viel Temperament, die entsprechende Fuge mit besonderer Betonung der verzögerten Rhythmik mit den wiederkehrenden 32tel-Achtergruppen.

So ging es weiter durch alle vierundzwanzig Paarungen, pro Halbton je einmal die Dur- und einmal die Moll-Variante und davon jeweils das Präludium und die Fuge. In einem Stück war das weder für den Solisten noch für das Publikum zu bewältigen. Zwar spielte Aimard nach Noten, aber die dienten wohl eher als Stütze, als dass er streng danch gespielt hätte. Allein seiner Mimik ließ sich entnehmen, dass er die Stücke weitgehend aus dem Kopf spielte und die Noten nur für gelegentliche Hinweise hinsichtlich der Interpretation benötigte. So war es nach zwölf Paarungen Präludium/Fuge auch erst einmal genug, und sowohl der Solist als auch das Publikum konnten wieder Luft schöpfen für den zweiten Teil. Wer Aimards Interpretation aufmerksam folgte und über einigen Sachverstand verfügte, war tatsächlich musikalisch und intellektuell gefordert. Man kann davon ausgehen, dass nur ausgesprochene Bachfreunde  – viele davon wahrscheinlich (Hobby-)Pianisten mit unterschiedlichem Können – sich mitten in der Woche zu einer Bach-Nacht einfinden, die erst weit nach 23 Uhr endet. In einer Reihe sah man zwei Kinder – neben ihrem Vater? – das Konzert mit den Fingern in den Noten nachverfolgen. Das sind die wahren Musikliebhaber!

Aimard schaffte es, die einzelnen Präludien und Fugen deutlich voneinander abzusetzen. Abgesehen, dass jedes Stück andere musikalische Eigenarten in den Vordergrund stellt, stellt auch jedes Stück andere Anforderungen an den Pianisten. Wer den Band zur Hand nimmt und versucht, von vorne nach hinten durchzuspielen, stellt fest, dass die Anforderungen nicht nur steigen, sondern dass jedes Stück bestimmte Fähigkeiten anspricht, zum Beispiel Läufe der linken Hand, der rechten Hand oder beider Hände, seien es parallele oder gegenläufige. Dann wieder sind Legatospiel oder komplizierte Fingersätze gefordert. Andere Stück sind reich an Triolen, mit und ohne versetzte Rhythmen in der jeweils anderen Hand. Kurz, der Spieler muss sich in jedem Präludium und in jeder Fuge neuen Anforderungen stellen. Schließlich waren die beiden Bände des „Wohltemperierten Klavier“ als didaktische Unterlagen für den Unterricht gedacht. Wer alle 96 Stücke beider Bände vom Blatt (oder sogar aus em Kopf!) spielen kann, darf sich zu recht als Pianist bezeichnen.

Pierre-Laurent Aimard ist natürlich einer von diesen „echten“ Pianisten, und an dem Abend im Kloster Eberbach zeigte er die ganze musikalische und technische Vielfalt der Bachschen Präludien und Fugen – und auch die Schönheit dieser Musik, die zu Unrecht oft als schwierig und musikalisch unzugänglich verschrien ist. Die Tatsache, dass diese Musik hohe Anforderungen an jeden Klavierspieler stellt (vor denen die meisten nur ehrfürchtig stehen oder gar kapitulieren) bedeutet nicht, dass sie nur aus seelenlosen Etüden besteht und musikalisch ähnlich anspruchslos ist wie Czerny-Etüden. Über die Art der Interpretation kann man sicher streiten, und Aimards Version des ersten Präludiums ist sicher nicht jedermanns Sache – dazu zählt sich auch der Rezensent -, doch der Abend bot eine überaus spannende und herausfordernde Fahrt durch Johann Sebastian Bachs Klavierkosmos mit einem „Fahrer“, der seine eigenen Wege ging und den Präludien und Fugen dabei völlig neue EIgenschaften entlockte.

Frank Raudszus

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