Der Puls der Metropole

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Im Berliner Friedrichstadt-Palast erzählt die Show „Wyld“ eine Geschichte über die moderne Großstadt.

Ensemble Foto: Robert Grischek

Ensemble
Foto: Robert Grischek

Seit über hundert Jahren ist der Friedrichstadt-Palast eine Stätte der ausgefeiltesten und aufwändigsten Varieté-Shows. Nach erzwungener fünfzigjähriger Pause glänzt er seit der Wiedervereinigung – nach einer gewissen Restaurationsphase – wieder in alt-neuem Glanze, und auch die Shows übertreffen sich von Jahr zu Jahr. Um sich im Wettbewerb mit den größtenVarieté-Orten der Welt ganz oben zu platzieren, wurde das Budget für die Show „Wyld“ auf über zehn Millionen Euro aufgestockt, und das sieht man dem Ergebnis auch an.

Es beginnt ganz ruhig und unspektakulär, wenn auch durchaus (selbst)kritisch. Durch einen bühnengroßen Spiegelrahmen schaut der Zuschauer auf die fiktive Probebühne eines Balletts. Ein so egozentrischer wie gnadenloser Ballettmeister lässt die Compagnie einzeln, paarweise und im Ensemble vortanzen, und sein größtes Lob drückt sich darin aus, dass er auf eine beißende Kritik verzichtet. Ansonsten kann er schon einmal Kommentare wie „ein bißchen faul heute?“ äußern oder die Darbietungen seiner Truppe mit bösartigen Vergleichen belegen. Auch das Hochreißen eines seiner Meinung nach ungenügend hochgereckten Beines gehört dazu, und wen sein vernichtender Kommentar trifft, der verzieht sich gedemütigt in den Hintergrund. Mit dieser polemisch-parodistischen Einleitung zeigt die Show, wie es angeblich(!) hinter der Bühne zugeht, dementiert dies jedoch nicht durch irgendeine rührselige Pointe, sondern lässt den Eindruck stehen, wenn der Ballettmeister am Schluss in die Hände klatscht und zum Bühnenauftritt ruft.

Szenenbild Foto Robert Grischek

Szenenbild
Foto Robert Grischek

Mit diesen Anfangsbildern im Kopf sieht man die folgenden Tanzszenen ganz anders, so wenn sich vierzig gleich große und gleich langbeinige Damen nach komplizierten Choreographien drehen und wenden, die Beine synchron mal nach links, mal nach rechts hochwerfen, im präzisen Gleichtakt die Hüte werfen und dabei scheinbar entspannt ins Publikum lächeln.

Die erste Viertelstunden ist einem einzigartigen Rausch aus Tanz, Musik und Lichtspielen gewidmet. In mal märchenhaften, mal alienartigen, mal robotermäßigen Kostümen tanzen die Tänzer und Tänzerinnen zu jeweils entsprechender Musik raumgreifende, rasante und dennoch äußerst präzise Choreographien. Dazu spielt sich auf dem Bühnenhintergrund eine wahre Lichtorgie aus animierten Computergraphiken in allen Farben ab. Bis ins Publikum hin leuchten zuckende Laserstrahlen und wandernde Scheinwerfer in verschiedenen Farben die Szene aus. Es ruckt und zuckt optisch wie akustisch, und der Zuschauer fühlt sich bereits nach zehn Minuten buchstäblich schwindlig gespielt. Das Kunstwort des Titels – „Wyld“ – materialisiert sich bereits hier zu einer wild-mythischen Mixtur. Fast möchte man meinen, die Designer dieser Show hätten bewusst das Ypsilon aus dem Wort „Mythos“ in das eher abgegriffene Wort „wild“ eingebaut, um etwas Einzigartiges damit auszudrücken.

Die "White Gothics" Foto Robert Grischek

Die „White Gothics“
Foto Robert Grischek

Erst nach dieser wildbewegten Ouvertüre beginnt das Varieté-Programm, das jedoch weiterhin von Farbspielen der Scheinwerfer und der Computergraphik sowie von immer wieder andersartiger Musik unterlegt wird. Dieses Programm besteht jedoch nicht aus zahlreichen, eher kurzen Einzelnummern, sondern aus ausgedehnten Varieté-Erzählungen, die sorgfältig in die musikalsiche und optische Choreographie eingebettet sind. Eine der ersten Nummern, der „Pudel Strudel“, besteht aus einer Hundedressur, bei der gut ein halbes Dutzend Pudel verschiedener Größen und Rassen in ausgefallenen „Frisuren“ durch Reifen springen und Hamsterräder in Bewegung setzen. Die einzelnen Kunststücke sind zwar durchaus beachtlich, spielen jedoch nicht die Hauptrolle. Wichtiger ist das Zusammenspiel der beiden Pudel-Trainer Jana und Joschi Posna und ihre Integration in das gesamte Bühnengeschehen mit seinen musikalischen und optischen Effekten. Augenzwinkernd verweist diese Nummer auf das alte Berlin vor der Wiedervereinigung, das einen überproportionalen Anteil an älteren Damen mit Hunden beherbergte….

Ähnliches gilt für die „Gothic Opera“ mit den vier Bodenartisten von „White Gothic“, die geradezu unglaubliche Kraft- und Balanceakte vollbringen, während um sie herum eine futuristische Opernbühne mit computeranimierten Videoclips in Szene gesetzt wird, auf der Männer in hautengen Alien-Kostümen rituelle Kraftübungen absolvieren. Die eigentliche Akrobatik wird so zum Teil eines Gesamtkunstwerks im Sinne Richard Wagners, nur nicht mit dessen völkisch-teutonischer Ausprägung.

Die Damen des Balletts als vielarmige Tänzerin Foto Robert Grischek

Die Damen des Balletts als vielarmige Tänzerin
Foto Robert Grischek

In einer anderen Szene umkreist der ungarische BMX-Fahrer Balazs Földvàry nicht nur höchst kunstvoll auf seinem Fahrrad die Bühne oder dreht sich auf einem eigens für ihn aus dem Boden steigenden Podest, sondern er agiert auch im Duett mit anderen Artisten, indem er seine Radkünste in deren Vorführungen einbaut.

Nach diesem ersten Teil voller „Power“ und Lichter- wie Tonspektakeln fragte man sich, wie denn das im zweiten Teil noch zu steigern sei. Nun, die Show geht hier ins Märchenhaft-Mythische über. Im Mittelpunkt steht die ägyptische Königin Nofretete, deren originale Büstenskulptur im Berliner Ägyptischen Museum steht und nicht nur Gäste aus aller Welt anlockt sondern auch für Unmut bei der ägyptischen Regierung sorgt. Am Anfang scheint diese Büste auf einem hohen Sockel mit Glasabdeckung – eben wie im Museum – zu stehen. Doch als eine entsprechende Lautsprecherdurchsage die Schließung des Museums ankündigt, öffnet sich der Sockel, und Königin Nofretete kehrt als Tänzerin ins Leben zurück. Nun beginnt eine opulente Bilder-, Ton- und Tanzshow, die bisweilen ein wenig an Verdis „Aida“ erinnert, aber jede Operninszenierung hinsichtlich der Licht- und Toneffekte in den Schatten stellt. Was Staats- und Stadttheater mühsam aus Holz und Styropor zusammenbauen, entsteht hier zum großen Teil in wechselnder Gestalt als Computeranimation. Dazu erklingt Musik in orientalischen Klangfarben. Doch während Nofretete aus dem Museum in die reale Welt wandert, beginnt sich diese Welt zum Abbild eines „Über-Berlins“ zu entwickeln. Zu dem vielfältig abgewandelten Ausspruch „ich bin ein Berliner“ sieht man die unterschiedlichsten Abbildungen, vom expressionistischen Bild bis hin zu halb abgerissenen Werbeplakaten oder übermalten Graffiti jeglicher Couleur. Das Ganze ist unterlegt mit einer sich stetig steigernden Musik und schnell wechselnden Tanzformationen, die unterschiedlichste Milieus der Großstadt – speziell Berlin – darstellen. Vom Shisha rauchenden Alternativen auf dem Sofa des orientalischen Migranten bis hin zur Underground-Party à la „Berghain“ ist alles dabei, und das Ganze endet in einem kakophonischen „Showdown“.

Svetlana Markova mit ihren Pudeln

Svetlana Markova mit ihren Pudeln

Auch die Akrobatik kommt im zweiten Teil nicht zu kurz. Das „Duo Markov“ mit Svetlana Markova und Anton Markov zeigt eine atemraubende Hochseilnummer, die nicht für schwache Nerven gedacht ist und bei so manchem Zuschauer die Reaktion auslöst, nicht mehr hinzuschauen, weil man nicht die unausweichliche Katastrophe mitansehen will. Nun, dazu kommt es (natürlich) nicht, aber man wundert sich, warum das eigentlich gut gehen kann. Selbst hartgesottene Varieté-Besucher bekommen hier noch weiche Knie.

Danach setzt dann die große Schlussnummer aus Tanz und Gesang ein, bei der vor allem das Damenballett noch einmal alle Register zieht und ein Höchstmaß an Symmetrie und Synchronität produziert. Wenn dann nach gut zweieinhalb Stunden alle Darsteller noch einmal auf die Bühne kommen und zum rauschenden Beifall noch kleine Kostproben ihres Könnens geben, beginnen sich die Spannung und der rauschartige Zustand im Publikum langsam zu legen. Es dauert eine Zeit beim Italiener gegenüber, bis man die Bilder und die Musik aus dem Kopf bekommt, aber das war von den Erfindern dieser Show wohl auch so gewollt. Am nächsten Morgen hat man sich von diesem Abend zwar erholt, würde aber am liebsten die nächste Vorstellung wieder besuchen.

Frank Raudszus

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