Ingo Thiel: „Soko im Einsatz“

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Insiderberichte aus dem Polizeialltag über bekannte Gewaltverbrechen

Viele werden sich noch an den Aufsehen erregenden Fall des zehnjährigen Mirco aus dem niederrheinischen Grefrath erinnern, der im September 2010 plötzlich verschwand, ohne dass Erpresserforderungen eingingen. Erst vier Monate später konnte die Polizei den Entführer – und Mörder – identifizieren und überführen. In der Öffentlichkeit entstand nach den üblichen Verdächtigungen und Spekulationen der ersten Tage und Wochen der Eindruck, als komme die Sonderkommission nicht recht weiter, ja, arbeite eigentlich gar nicht mehr konsequent an dem Fall und habe ihn bereits „ad acta“ gelegt. Doch am 26. Januar konnte Ingo Thiel, der Leiter der Sonderkommission „Mirco“, sein Versprechen an die Eltern des Jungen erfüllen. Er hatte ihnen kurz nach dem Verschwinden ihres Sohnes in die Hand versprochen: „Wir finden ihn“. Dass sie Mirco nach so langer Zeit nicht mehr lebend finden würden, war allen klar, aber sie konnten jedenfalls den Fall aufklären, den Mörder dingfest machen und den Leichnam finden.

Ingo Thiel hat seine Erlebnisse als Leiter verschiedener Sonderkommissionen in diesem Band einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Er setzt damit – gewollt oder ungewollt – auch ein Zeichen gegen Aktionismus und gegen das romantisierende Heldentum der vielen Krimis einschließlich „Tatort“, die aus verständlichen Gründen lieber die spannende Verbrecherjagd mutiger Polizisten zeigen als die langweilige und ermüdende Recherchearbeit. Denn darauf läuft die Tätigkeit einer Sonderkommission meistens hinaus. Die Einkreisung des Verdächtigen erfolgt in zäher Kleinarbeit am Schreibtisch, und die Verhaftung steht normalerweise nicht am Ende einer langen Autojagd oder eines Wettrennens durch enge Gassen und Schrebergärten sondern am frühen Beginn eines grauen Alltags, an dem der Verdächtige aus seinem warmen Bett geklingelt wird und in aller Höflichkeit ins Präsidium chauffiert wird. Schließlich gilt zu diesem Zeitpunkt noch die Unschuldsvermutung.

Zugpferd dieses Buches ist natürlich der Fall „Mirco“. Da er aber das Buch nicht ganz ausgefüllt hätte – außer man hätte ein Melodram drum herum geschlungen -, hat Thiel noch zwei andere Fälle sozuagen als „Vorgruppe“ dem größten Fall vorangestellt. In dem einen ging es um das Verschwinden eines Fünfzehnjährigen, das jahrelang ungeklärt blieb, obwohl die Eltern von Anfang an den Nachbarn verdächtigt hatten. Irgendwann kam dann jedoch aus der Nachbarschaft ein eher ominöser Hinweis, der Ingo Thiel den Fall noch einmal aufnehmen ließ. Weitere Recherchen deuteten auf die Tochter des Nachbarn, die bei einer Befragung dann plötzlich und unerwartet ein Geständnis ablegte. Ihr Vater hatte sie sexuell missbraucht und den jungen Mann als Konkurrenten gesehen. Also brachte er ihn um, und seine Tochter musste ihm bei der Beseitigung der Leiche helfen. Die Verhaftung des Täters verlief insofern einfach, als er sowieso wegen einer anderen Tat im Gefängnis saß. Nur verlängerte sich sein Aufenthalt dort um weitere fünfzehn Jahre. In diesem Fall erwies sich der Täter als ein notorisch asozialer Charakter ohne jegliche Gewalthemmung, der nicht zum ersten Mal getötet hatte.

Ähnliches galt für den Mord an einem kleinen Mädchen, das beim Ausführen ihres Hundes verschwunden war und später tot aufgefunden wurde. Auch hier fand man lange keinen Täter, obwohl in einem zweiten, ähnlich gelagerten Fall das Mädchen überlebte und einige Angaben zum Täter und sein Auto machen konnte. Doch alle Nachforschungen verliefen im Sande, bis der Täter wegen des gleichen Deliktes in Frankreich festgenommen und verurteilt wurde. Die Ähnlichkeiten der Fälle und die Verfügbarkeit des Täters für eine DNA-Analyse vereinfachten seine Überführung. In diesem Falle handelte es sich um einen eher unauffälligen Mann geringen Bildungsgrades, der bei Frauen nie angekommen war und sich sein Überlegenheitsgefühl bei kleinen Mädchen holen musste. Bei der Vernehmung war er fast froh, sich aussprechen zu können, und gestand alles. Dem leitenden Ermittler Ingo Thiel war er für das geduldige Zuhören so dankbar, dass er ihn danach als Freund betrachtete und in größeren Abständen sogar für einen Plausch aus dem Gefängnis anrief. In diesem Zusammenhang betont Thiel, dass man auch solche Täter, die im ersten Moment den meisten als Monster erscheinen, als Menschen behandeln und ihre Menschenwürde achten müsse. Außerdem öffneten sich die Verdächtigen viel schneller, wenn man menschlich mit ihnen umgehe und ihnen zuhöre.

Nach diesen beiden weniger dramatischen Fällen, die einen ersten Einblick in die nüchterne und unspektakuläre Arbeitsweise der Sonder- und Mordkommissionen bieten, kommt Thiel dann zum Fall „Mirco“. Er beschreibt das Entsetzen der örtlichen Bevölkerung und die Verdächtigungen, da sich bald herausstellte, dass der Täter über sehr gute Ortskenntnisse verfügen müsse, also wahrscheinlich „einer von ihnen“ war. Die Sonderkommission wuchs schnell auf achtzig Mitglieder an und arbeitete um die Uhr. Thiel zeigt deutllich, dass alle in der Soko hundertprozentig engagiert waren und bereitwillig Überstunden auch an Wochenenden ableisteten, um diesen schrecklichen Fall zu lösen. Das Schlimmste war daran, dass man weder eine Leiche fand noch irgendwelche Erpresserbriefe erhielt. Diese quälende Ungewissheit belastete nicht nur die Eltern sondern auch die Soko, die frühe Verdächtige schon bald wegen erwiesener Unschuld freilassen musste und keine Erfolgsmeldungen liefern konnte. Und doch arbeiteten alle um die Uhr mit Höchstdruck. Denn man hatte Hinweise auf den Wagen, den der Täter benutzt hatte. So durchforstete man das gesamte nähere Gebiet nach Wagen dieses Typs und dieser Farbe und ließ sie kriminaltechnisch untersuchen. Da es sich um ein sehr gängiges Modell handelte, ging die Zahl der untersuchten Wagen schnell in die Tausende, und monatelang gab es nach jeder Untersuchung dieselbe ernüchternde Negativmeldung. Daneben schwärmten die Ermittler aus und befragten die Bevölkerung in der Umgebung nach Beobachtungen um die Tatzeit. Die Tatsache, dass man nach und nach Kleidungsstücke des Jungen fand, wies nicht nur auf ein schrecklilches Verbrechen hin sondern fügte auch Stein um Stein zu dem Tat-Puzzle hinzu, für das nur noch der Täter und die Leiche fehlten.

Nach etlichen Rückschlägen und Enttäuschungen trat dann nicht der große „Kommissar Zufall“ wie im Krimi auf den Plan, sondern die gefühlt zehntausendste Fahrzeuganalyse erwies sich endlich als Volltreffer. Dabei hatte der Täter das Leasing-Auto bereits zurückgegeben, und dies hatte nach Russland verkauft werden sollen. Nur einige kleinere Blechschäden verzögerten den Verkauf, so dass die Polizei buchstäblich in letzter Minute Zugriff auf den Wagen erhielt. Der Rest war Routine: die Verhaftung des Verdächtigen – morgens um halb sechs im Schlafanzug -, die Auffindung der Leiche nach den Aussagen und dem Geständnis des Täters und die Anklageerhebung. Doch im Gegensatz zu dem armseligen Mädchenmörder baute Thiel zu diesem Mörder kein menschliches Verhältnis auf, da dieser nur Ausflüchte lieferte und nie wirklich zu seinem Verbrechen stand oder gar Reue zeigte. Thiel verachtet(e) ihn wegen seiner Feigheit.

Ingo Thiel erhebt in seinem Buch keine literarischen Ansprüche. Er schreibt gerade heraus, ohne Schnörkel und aufgesetzte Formulierungen; teilweise zeigt er sogar eine gesunde Portion Selbstironie oder Humor und schlägt auch einmal einen saloppen Ton an. Auch Mordermittler sind nur Menschen, auch wenn sie oftmals Schreckliches mit ansehen oder anhören müssen. Thiel hat sich darüber aber sein bodenständiges und positives rheinisches Gemüt bewahrt, frei nach dem Motto „Mensch bleiben“.

Das Buch „Soko im Einsatz“ ist im Ullstein-Verlag unter der ISBN 978-3-86493-012-6 erschienen, umfasst 222 Seiten und kostet 14,99 €.

Frank Raudszus

 

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