Ken Follett: „Stonehenge – die Kathedrale der Zeit“

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Stonehenge, das imposante kreisrunde Gebilde aus gigantischen Säulen, auf denen wiederum im Kreis angeordnete Steinquader ruhen, hat schon immer Rätsel aufgegeben. Was waren Sinn und Zweck dieser alles überragenden Anlage? Wie konnten Menschen der Jungsteinzeit vor fünftausendJahren diese tonnenschweren Steinsäulen aus dem weit entfernt liegenden Tal der Steine zu ihrem Bestimmungsort transportieren? Fragen über Fragen……

Ken Follett wat schon immer daran interessiert, wie Menschen schier Unmögliches wie den Bau dieses spektakulären Monuments vollbringen konnten. Er versetzt uns in dem vorliegenden Roman in die Zeit vor knapp fünftausend Jahren, als Menschen im heutigen England zwischen zwei Flüssen siedelten. Wie und wovon lebten diese Menschen damals?

Follett stellt sich drei große Stämme vor: Bauern, Hirten und Waldmenschen. Letztere lebten sehr zurückgezogen und versteckt in den Wäldern und lebten hauptsächlich von Wild sowie von Beeren und Früchten, die sie im Wald sammelten. Da sie keine größeren Gemeinschaften bildeten, verfügten sie nur über eine stark reduzierte Sprache. Anders war es da bei den Bauern, die in Dorfgemeinschaften lebten und Ackerbau betrieben. Sie arbeiteten eng zusammen und entwickelten dadurch eine differenzierte Sprache. Die dritte Gruppe, die Hirten, weideten und beaufsichtigten ihr Vieh und hatten dabei Kontakte zu den Bauern, mit denen sie Waren tauschten.

Doch diese drei Gruppen hatten eigentlich keinen Anlass, „Stonehenge“ zu errichten. Ken Follett stellt sich daher in seinem umfassenden Werk eine Priesterkaste aus älteren und jüngeren Frauen vor, die sich mit Zahlen, Jahreszeiten, Monaten und Wettervoraussagen befassten. So waren sie den einfachen Stammesmenschen durch ihr Wissen überlegen. Sie wurden wegen ihres Wissens geschätzt, und man holte gerne bei ihnen Rat ein. Ein früher Tempel – ähnlich dem heutigen – wurde aus Holz errichtet, um einen Ort für Rituale zu haben. Die Priesterinnen nahmen die Volksstämme durch Gedichte und Gesänge an den verehrten Sonnengott für sich ein. Bestimmte Riten führten die Menschen anlässlich der Jahreszeitwechsel zum Monument. Neben der Gottesverehrung wurde auch eifrig Handel betrieben. Die Steinhauer brachten Werkzeuge mit, die wiederum für Bauern und Hirten lebenswichtig waren. Jeder brachte mit, was er tauschen konnte. Außerdem dienten die Treffen dazu, Lebenspartner zu finden, denn die Gene der kleinen Gemeinschaften mussten permanent aufgefrischt werden, um Inzucht zu verhindern.

Doch leider ist der Mensch selten zufrieden mit dem, was er hat, und so kam es auch bei diesen frühen Stämmen durch Gier und Machthunger zu Konflikten bis hin zu kriegerischen Auseinanderfsetzungen. Wären die Priesterinnen nicht gewesen, hätten sich die Stämme wohl bald gegenseitig ausgelöscht. Sie mussten immer wieder Anlässe finden – wie die Errichtung des steinernen Monuments -, um die Menschen zu Höherem zu berufen, für das sich gemeinsames Tun lohnt und das den sozialen Zusammenhalt fördert. Bewusst hat Follett eine weibliche Priesterklasse gewählt, die mehr auf Ausgleich als auf Aggression aus war. Geschickt und stets abwägend lenken die Priesterinnen die Stämme und schaffen es schließlich, den Bau von Stonehenge mit Hunderten von Helfern fertigzustellen.

Ken Follett hat einen historisch gut recherchierten Roman geschrieben. Immer wieder zeigt er die menschlichen Schwächen auf, die etwas Selbstzerstörerisches haben, aber durch geschickte Lenkung zu Höherem führen können.

Das Buch ist im Lübbe-Verlag erschienen, umfasst 668 Seiten und kostet 36 Euro.

Barbara Raudszus

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