Konrad Paul Liessmann: „Was nun?“

Print Friendly, PDF & Email

Der alle Ideologien und Utopien kritisch gegen den Strich bürstende österreichische Philosoph widmet sich in dem vorliegenden Buch all den aktuellen Krisen auf dem politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Parkett. Dabei geht es ihm trotz des Untertitels „Eine Philosophie der Krise“ weniger um die allumfassende philosophische Theorie als vielmehr um die Entlarvung scheinbarer Gewissheiten und moralischer Selbstüberhebung. Den vierzehn Essays zuzüglich einer Einführung liegt eine gleichartige Struktur zugrunde, die einer hellsichtigen Analyse stets einen mit der Frage „was nun?“ eingeleiteten Schlussabsatz folgen lässt, in dem Liessman ein Fazit mit einer tastenden Handlungsempfehlung zieht. Tastend deshalb, weil er sich – im Gegensatz zu vielen selbstbewussten Aktivisten – seiner eigenen Unsicherheit bezüglich der Zukunft und wohlfeiler Konzepte bewusst ist. Doch sind diese „letzten Sätze“ nie von Furcht oder gar Resignation, sondern meist von einer ironischen Hoffnung geprägt.

Die Themen decken ein breites Feld ab, beginnend mit der Krise der parlamentarischen Demokratie und endend mit einer Eloge auf den Humor, den er nicht zufällig ans Ende des Buches stellt. Beim konstitutionellen Parlamentarismus konstatiert er eine zunehmende Kluft zwischen krisenbedingtem Entscheidungsdruck und strukturell blockierender Debattenkultur, die wiederum zum lauter werdenden Ruf nach einem starken Mann führe. Außerdem weist er auf die zunehmende Bedeutung nicht demokratisch legitimierter Institutionen wie „Social Media“ oder NGOs hin.

Die Toleranz ist der nächste Begriff, für den Liessmann eine Krise konstatiert. Ihm zufolge gilt die oftmals beschworene Toleranz nur für diejenigen, die prinzipiell auf derselben Wertebasis stehen. Für alle Andersdenkenden gilt dann die eigene Toleranz nicht mehr, was deutlich an den selbstgewissen – und paradoxen! – Spontispruch „Keine Toleranz der Intoleranz“ erinnert. Liessmann sieht hier eine zunehmende Polarisierung in Richtung „Gut“ und „Böse“, wobei die Beschwörer der Toleranz sich – nicht zuletzt wegen dieses Bekenntnisses – zu den „Guten“ zählen, die sich gerade durch die Intoleranz den „Bösen“ gegenüber auszuzeichnen meinen. Die Nähe zu Glaubensfragen der Religion ist für Liessmann greifbar, und unter „was nun“ empfiehlt er mehr Selbstzweifel und weniger Denkverbote.

Wenn Liessmann das „Begehren“ in der Krise sieht, dann meint er in erster Linie das Machtstreben. Politiker der westlichen Demokratien – Ausnahmen bestätigen die Regel! – hätten geradezu eine Abneigung gegen dieses toxische Begehren entwickelt und pflegten das Bild des redebereiten und zuhörenden Mitbürgers, der keine unangenehmen Entscheidungen trifft. Gerade diese Angst vor notwendigen, aber unangenehmen Entscheidungen führe zu Stillstand, Wohlstandsverlust und schließlich Erstarken der extremen Ränder. Nur mehr Mut zu Entscheidungen könne aus dieser Sackgasse herausführen. Auf der anderen Seite sieht er ein deutliches Machtbegehren bei den selbsternannten Opfern. Man könnte sagen, dass die Moralisten ihre fehlende ökonomische und politische Macht gerade durch den Vorwurf der Machtgier in eigene Macht über die Mächtigen umzumünzen versuchen.

Auch die Wissenschaft bezieht Liessmann als Krisenherd mit ein, die zunehmend die angestrebte Objektivität und den grundsätzlichen Selbstzweifel zugunsten eines politisch grundierten Aktivismus infrage stelle. Auch hier spiele wieder die zunehmende Moralisierung und der Wunsch, auf der richtigen Seite zu stehen, eine zentrale Rolle. Liessmann erinnert die WIssenschaftler unter „was nun“ an das Selbstverständnis der Aufklärung, die Vernunft vor den Glauben zu stellen.

Nicht weit davon entfernt agiert die „Cancel Culture“, die nur noch im eifernden Moralismus sich übe und Andersdenkende am liebsten zum Verschwinden bringen möchte, erst vom Podium, dann von Positionen und schließlich aus der Gesellschaft. Mit drastischen, wenn auch formal nüchternen Formulierungen schreibt Liessmann dieser „Kultur“ ein vernichtendes Urteil ins Stammbuch, ohne sie deshalb verbieten zu wollen. Mehr Mut zum Gegenhalten, lautet seine Empfehlung an alle gesellschaftlichen und kulturellen Institutionen.

Die Meinungsfreiheit als verbürgtes Recht ist als nächstes Krisengut dran. Hier konstatiert Liessmann unter Politikern einen wachsenden Hang zum Verbieten. Statt indiskutable Parteien oder Meinungsäußerungen zu verbieten, solle man sie durch konsequente Sachpolitik bekämpfen. Die Meinungsfreiheit sei seit der Aufklärung ein viel zu hohes Gut, um sie dem moralischen Wohlgefühl zu opfern.

Weitere wichtige Themen sind die Krise des Gesichts, das sich nicht nur in den sozialen Medien durch virtuelle Nachbearbeitung einem globalen „Standard“ angleiche, sondern im Anschluss daran auch in der Realität durch Operationen jegliche Authentizität verliere. Letztlich diktiere im Netz allein die Menge und damit die Statistik das „richtige“ Aussehen, und das Ergebnis sei dann das globale Einheitsgesicht.

Die „Krise der Mobilität“ sieht Liessmann darin, dass die fast zur Religion erhobene Freiheit der Beweglichkeit auf Rädern und damit das Selbstverständnis vor allem des westlichen Menschen durch die drohende Klimakatastrophe bedroht ist. Schlimmer noch: das autonome Fahrzeug nimmt dem Menschen die letzte persönliche Macht über die Dinge und macht ihn zum transportierten Gut. Damit kommt Liessmann zur Maschine an sich in Gestalt der KI, die nicht nur Jobs zu vernichten drohe, sondern, mehr noch, Stück für Stück die Ideenvielfalt und -schärfe menschlichen Denkens einebne. Ähnlich wie bei der oben erwähnte Vereinheitlichung des „Antlitzes“ werde sich dank der Trainingsdaten der KI auch der statistische Durchschnitt aller für die KI erreichbaren Texte an einem scharf geschnittenen MIttelwert ausrichten, der alle ausgefallenen Gedanken auszusondern drohe.

Die Kunst war für Liessmann bis vor Kurzem noch die einzige menschliche Domäne, die allein nach den eigenen ästhetischen Maßstäben arbeite. Hier galt nur die Stimmigkeit der Ästhetik, keine Gesinnung, soweit nicht die Menschenwürde in Abrede gestellt wurde. Doch auch hier hat sich aus seiner Sicht die Macht der Moral ausgeweitet, die ein Kunstwerk erst nach seiner dahinterstehenden Gesinnung frage und darauf die Bewertung aufbaue. Bedenklich für ihn, dass auch die Künstler selbst sich immer mehr als moralische Aktivisten betätigten, als wollten sie über die Moral ihrem Werk mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Gerade der illusionäre Charakter der Kunst mit seiner das Denken öffnenden Wirkung weiche damit einer profanen Lebensberatung.

In der „Antigone“ des Sophokles sieht Liessmann das Prinzips des unbedingten Widerstands aus eigener Überzeugung verwirklicht. Dabei muss diese individuelle Weltsicht nicht unbedingt eine allgemein akzeptierte sein. Die Literatur mehrerer Jahrtausende habe das Handeln nach der ganz eigenen Weltsicht als eine nur dem Menschen gegebene Möglichkeit gesehen und den entsprechenden Widerstand gegen „allgemeine“ Regeln als legitim betrachtet, vor allem, wenn dabei die eigene Existenz aufs Spiel gesetzt werde. Allerdings zeige die „Antigone“ auch die Ambivalenz und die Grenzen dieses individuellen Widerstands auf. Liessmann sieht jedoch diese für das Selbstverständnis des Menschen typische Ambivalenz durch einen zunehmenden moralischen Absolutismus in Gefahr. Die heutige Antigone kämpfe nicht mehr um ihr eigenes Selbstverständnis und auf die Gefahr, im Unrecht zu sein, sondern sie komme mit dem absoluten Wahrheitsanspruch daher und schöpfe daraus ihr Recht zum nicht mehr hinterfragten Widerstand. Das lasse die Welt schließlich in „richtige“ und „falsche“ Teilwelten zerfallen, die jedoch nicht von einer transzendenten Instanz, sondern vom einzelnen Individuum definiert werden.

Hass, Hetze, Hoffung und Humor sind die letzten vier großen Themen, die Liessmann in der Krise sieht, erstere beiden natürlich als Krisensymptom und letztere als Krisenopfer. Der Hass, schon einmal Thema bei Liessmanns „Philosophicum Lech“, ist eine abgrundtiefe Eigenschaft des Menschen und funktioniert ähnlich ausschließlich und vereinnahmend wie die Liebe. Die Hetze ist eine seiner Äußerungsformen. Zorn und Wut richten sich gegen Zustände und wollen sie ändern, Hass richtet sich stets gegen Menschen oder Menschengruppen und will diese vernichten. Letzteres kann dann auch mit hohem Lustgewinn verbunden sein. LIessmann sieht hier eine Krise heraufziehen, die sich vor allem in den sozialen Medien zeigt. Wo früher die „Gatekeeper“ aus Presse und Verlagen für so etwas wie Qualität in der Kommunikation sorgten, herrsche heute die ungebremste Freiheit, alles zu sagen. Dass diese Krise Gegenmaßnahmen erfordert, liegt auf der Hand, doch welche zu ergreifen sind, ist keine einfach zu beantwortende Frage.

Die Hoffnung sieht Liessmann als letzte Bastion eines optimistischen Geistes, da sie eben nicht auf belastbaren Erkenntnissen beruht. Das traurigtrotzige „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ sieht er als einen tief im Menschen verankerten Glauben an eine Zukunft. Doch der sich derzeit ausbreitende apokalyptische Moralismus schwärze diesen Schimmer am Horizont bewusst und denunziere ihn als Schönfärberei der Schuldigen. Mit seiner apokalyptischen Grundhaltung entziehe der moralistische Fundamentalismus den Menschen mit der Hoffnung auch den Willen zum Durchhalten. Unter „was nun“ fordert er daher eine bewusste Pflege des Hoffnungsgedankens.

Den Schluss bildet ein Trio gefährdeter Arten, die Liessmann für das Ertragen der Welt als unabdingbar betrachtet: Ironie, Humor und Witz. Alle drei seien dem Moralismus zuwider und würden daher von ihm konsequent bekämpft – siehe „Hoffnung“. Die Ironie ignoriert demnach die Ernsthaftigkeit der Probleme, der Humor, wie die Hoffnung ein Zeichen des „Trotzdems“, ist der katastrophalen Lage ebenso wenig angemessen, und der Witz schließlich, der – auf unterschiedlichsten Niveaustufen – für eine wenn auch kurzfristige Entlastung sorgt, fällt natürlich durch jegliches moralische Netz. Pointiert, aber ohne einen Hauch von Saloppheit oder gar Plattheit – bei diesen drei Begriffen stets lauernd – appelliert Liessmann an die intellektuelle Elite, ohne sie explizit als solche anzusprechen, diese drei Haltungsarten gegenüber der Welt nicht aus ihrem Kanon zu streichen.

In seiner bekannten und wegen der Direktheit erfrischenden Art bringt Liessmann in diesem Buch die gegenwärtige weltanschauliche Situation weiter und wirkungsmächtiger Kreise auf den Punkt und verzichtet dabei auch auf die übliche Verbeugung vor der politischen Korrektheit, angefangen beim konsequenten Verzicht auf das Gendern.

Das Buch ist im Zsolnay-Verlag erschienen, umfasst 238 Seiten und kostet 25 Euro.

Frank Raudszus

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar