Roland Kaehlbrandt: „Von der Schönheit der deutschen Sprache“

Print Friendly, PDF & Email

Mit seinem überraschend bekennenden, ja fast naiven Titel weckt dieses Buch bereits im ersten Augenblick lebhaftes Interesse, denn welcher „seriöse“ Wissenschaftler wagt heute noch Begriffe wie „Schönheit“ nicht nur affirmativ zu benutzen, sondern auch noch als richtungsweisenden Titel zu benutzen. Schnell ist man da als Autor in die Ecke der Ewiggestrigen abgeschoben.

So verweist Kaehlbrandt denn auch gleich zu Beginn auf das im In- und Ausland verbreitete Vorurteil, die deutsche Sprache sei wegen ihrer vielen Konsonanten und Rachenlaute („ch“) hässlich und überdies kompliziert, wobei er diese Vorurteile auf gut wissenschaftliche Manier mit Umfrage-Prozenten verschiedener Länder belegt. Dann jedoch beginnt er in einem so beherzten wie eleganten Sturmlauf – um hier eine Metapher aus dem Sport zu verwenden – mit der Widerlegung dieses Vorurteils.

Will man die Schönheit einer Sache begründen, so stößt man wegen der inhärenten Subjektivität schnell auf mehr Fragen als Antworten. Kaehlbrandt führt Ebenmaß und Symmetrie als Ursachen an und bezieht sich dabei auf Hegel und andere Größen, allerdings ist er sich wohl auch der Gefahr des Zirkelschlusses bewusst, frei nach dem Motto „Schönheit ist Ebenmaß, weil Ebenmaß schön ist“. Dagegen ist der Vergleich mit anderen Kunstarten wie Bildende Kunst und Musik aufschlussreich. Während diese Künste unmittelbar die Sinne ansprechen, geht die Sprache stets über den Verstand und scheint damit das Schönheitsrennen zu verlieren. Kaehlbrandt weist jedoch darauf hin, dass beim Lesen einschlägiger Beschreibungen – Landschaft, Stimmungen – im Kopf entsprechende Bilder entstehen, die dann wieder die Sinne ansprechen. Daher lässt sich auch der Sprache Schönheit bescheinigen, wenn sie diese Bilder nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch die Form gestaltet. Und nur schöne Sprache kann schöne Eindrücke erzeugen, so seine Schlussfolgerung.

Bei seinen Überlegungen geht Kaehlbrandt systematisch und strukturiert vor, indem er mit den Zeichen beginnt. Schon die ersten Ergebnisse zeigen, dass Deutsch mehr Vokale und nahezu ebenso viele Konsonanten wie das gerne als „schönes“ Gegenstück angeführte Italienisch aufweist. Anschließend geht er auf die sprachliche Aufgabe der Vokale und Konsonanten ein und zeigt deutlich, dass beide aufeinander angewiesen sind und letztere oft die nötige „Klammer“ um die Vokale bilden. Ohne die Problematik der Konsonantenhäufung zu leugnen – „Strumpf“ -, führt er an vielen Wortbeispielen das gelungene Zusammenspiel dieser beiden Zeichenarten im Deutschen vor.

Den ebenso oft gescholtenen Satzbau des Deutschen rehabilitiert er ebenso, wobei er vor allem die Variabilität der Sprache beim Anordnen der Satzelemente betont, die andere Sprachen nicht aufweisen. Richtig genutzt, sorgt diese Flexibilität für kurze, mittlere und lange Sätze hoher Verständlichkeit und flüssiger Satzrhythmik, und Kaehlbrandt belegt dies an vielen Beispielen bekannter Autoren.

Dem Wohlklang der Sprache widmet sich der Autor mit vielen Beispielen wie „Wohlwollen“ oder „Sehnsucht“ und zeigt damit, dass vor allem die Sprache der Klassik und der Romantik die Klangbildung gefördert und ausgestaltet hat. In einem kleinen historischen Exkurs verweist er auf die jahrhundertelange Kleinstaaterei, die übergreifende Sprachstrukturen lange verhindert habe, und dass eigentlich erst mit der Aufklärung und den darauf folgenden größeren Staatsstrukturen sich die heutige Sprache gebildet habe. Die Basis habe zwar schon Martin Luther mit seiner volksnahen Bibelübersetzung geschaffen, aber diese kraftvolle Sprache musste erst Einzug in die literarischen Künste halten. Mit seinen Verweisen auf Martin Opitz, Gottsched, Herder und vor allem Klopstock stimmt Kaehlbrand eine kleine Hymne auf das frühe 18. Jahrhundert an, dessen Erbe sich dann in Goethe und den Romantikern materialisierte.

Etwas kritischer sieht Kaehlbrandt die deutsche Wissenschaftssprache, bei der zumindest in der Vergangenheit die Unverständlichkeit als Gütesiegel galt, wobei er vor allem Hegel und – mit Abstrichen – auch Kant verantwortlich macht. Letzterer habe jedoch auch geradezu ikonische Sprachschöpfungen – der kategorischer Imperativ oder „der Himmel über mir und das sittliche Gesetz in mir“ – vorzuweisen. Als leuchtendes Gegenbeispiel führt er Sigmund Freud an, dessen Theorien nicht nur verständlich und elegant formuliert seien, sondern der seine Leser auch stets „mitgenommen“ habe, wie man heute so schön sagt.

Die Sangbarkeit der deutschen Sprache ist ein weiteres Kriterium, das viele Kritiker problematisch sehen. Kaehlbrandt jedoch ruft Richard Wagner zur Hilfe und zeigt sowohl an dessen Theorien als auch an dessen Texten (und Musik) – es muss ja nicht immer Alliteration von „Wohl und Wehe“ sein-, dass die deutsche Sprache dem Singen durchaus nicht im Wege steht, eher ihm hilft. Das beweist er dann an Schuberts Liedern, nicht zuletzt der „Winterreise“.

Unterentwickelt sei im Deutschen auch der Humor, speziell der Sprachwitz, höre man oft; doch auch das sei ein Vorurteil, dass so nicht stimme. Kaehlbrandt verweist einerseits auf die einfache Bildung von Komposita, die viel humoristisches Potential berge, und andererseits auf die Mehrdeutigkeit vieler Worte, die man beliebig zu Wortspielen nutzen können. Beispiele findet er in Hülle und Fülle von Sebastian Brant bis zu Robert Gernhardt.

Den oftmals belächelten Dialekten widmet er ein eigenes, ehrenrettendes Kapitel. Darin zeigt er die emotionale und konkrete Stärke dieser regionalen Sprachen, die den jeweiligen Alltag wesentlich besser spiegelten als eine abstrakte, überregionale Hochsprache. Er ist sich zwar über die Stärken letzterer im Klaren, will diese aber nicht gegen die vermeintlich minderwertigen Dialekte ausspielen. Für ihn sind die lokalen Sprachausprägungen ein unmittelbarer Ausdruck des Alltags und damit auch „schön“.

Besondere Anschaulichkeit verleiht Kaehlbrandt seinen Ausführungen durch die Art des Vortrages. Sein Stil setzt das konkret um, was er theoretisch von einer schönen Sprache verlangt. Sowohl seine Satzlängen als auch die Satzkonstruktionen wirken elegant und verständlich, ohne dabei in „einfache Sprache“ abzurutschen. Ihm geling das Kunststück, nicht nur den theoretischen sondern auf jeder Seite auch den praktischen Nachweis zu liefern, dass Deutsch eine schöne Sprache ist. Die Lektüre ist eine reine Freude.

Das Buch ist im Piper-Verlag erschienen, umfasst 320 Seiten und kostet als Taschenbuch 14 Euro.

Frank Raudszus

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar