Emily Brontés Roman „Sturmhöhe“ – englisch „Wuthering Heights“ – haben wir vor Jahren hier als Hörbuch besprochen, weshalb wir auf eine detaillierte Inhaltsangabe und grundlegende Kritik an dem Roman verzichten. Nur soviel: Die Autorin hat hier keine kritische Gesellschaftsanalyse im Sinn gehabt, sei es bezüglich des Klassensystems, der Rolle der Frau oder gar rassistischer Tendenzen, sondern erzählt eine Familiengeschichte mit individuellen Schwächen und Entscheidungen, die in die Katastrophe münden. So lässt die Existenz des Adoptivsohns Heathcliffs auf eine großzügige soziale Ader des Gutsherrn schließen, und Catherine heiratet den reichen Edgar aus freien Stücken trotz der kindlichen Liebesschwüre gegenüber Heathcliff. Sie selbst ist keine unterdrückte, sondern eine durchaus selbstbewusste junge Frau, die sich die Welt so gut wie möglich einrichtet, und ihre Abwendung von Heathcliff trägt eher berechnende als folgsame Züge. Auf der anderen Seite begibt sich der schwer gekränkte Heathcliff auf einen manisch anmutenden Rachefeldzug, der alle ins Verderben stürzt.
Im Staatstheater Darmstadt hat Anna Bergmann diesen Roman in einer abendfüllenden Inszenierung auf die Bühne des Kleinen Hauses gebracht. Ihre Entscheidung, die Figur des Heathcliff nicht nur mit einer Frau zu besetzen, sondern sie auch explizit als Frau auszugeben, ist aus oben genannten Gründen zumindest fragwürdig, soweit man unterstellt, dass diese „cross over“-Besetzung einem dramaturgischen Zweck dient. Diesen gibt die Handlung des Romans jedoch nicht her, denn selbst die Liebe zwischen Catherine und Heathcliff wird als kindliche und nicht als erotische beschrieben.
Das zeigt sich auch in der ersten Hälfte der Inszenierung, die im 19. Jahrhundert spielt und eher als böses Weihnachtsmärchen denn als konfliktorientiertes Sprechtheater daherkommt. Hier tragen die Erwachsenen anfangs übergroße Pappköpfe, somit die kindliche Sicht auf die unergründbare Welt der Erwachsenen einnehmend. Auch die Dialoge dieser Erwachsene kommen wie von ferne aus der Höhe und wirken geradezu schicksalhaft auf die Jugendlichen.
Ein Problem der Inszenierung besteht darin, dass die Darsteller der beiden Hauptpersonen – Emily Klinge als Catherine und Flora Udochi Egbonu als Heathcliff – erwachsene Menschen sind und kindliche Gemüter schon aus körperlichen Gründen nur begrenzt darstellen können. So stellt sich beim Publikum nicht automatisch die heile, neugierige Perspektive von Kindern ein. Ähnliches gilt für den eifersüchtigen Hindley, dessen Hass auf Heathcliff auf der Bühne als der eines erwachsenen Angehörigen der englischen Oberschicht erscheint, obwohl er selbst noch ein Kind ist. Glaubwürdiger wird die Bühnensituation erst nach dem Tod des Vaters, wenn die Kinder halbwegs erwachsen. Jetzt entfaltet sich Hindleys Hass gezielt und seine Demütigungen Heathcliffs entlarven seinen grundbösen Charakter.
Das ändert sich schlagartig im zweiten Teil, den die Regisseurin konsequent in die Jetztzeit verschiebt. Die offensichtlich gesellschaftlich gut integrierte Heathcliff ist reich geworden und kauft das Gut ihres alten, mittlerweile dem Alkohol verfallenen Widersachers auf und startet ihren ultimativen Rachefeldzug, der Catherine erst in den Wahnsinn und dann in den Tod treibt. Die Frauen wirken in ihren hautengen , kalt glänzenden Miniröcken wie Klischeeabzüge eines boulevardsüchtigen Jetsets, während die Männer in Morgenmänteln vor dem Fernseher oder der Flasche verlottern. Auch hier versucht Anna Bergmann etwas bemüht, Aktualität hineinzubringen, wenn sich Heathcliff als Überlebende eines Migrantenbootes ausgibt, was sich trotz heutiger Kostüme nur schwer in den Handlungsablauf einbringen lässt. Doch weitgehend beschränkt sich die Regie auf das Chaos der Gefühle (Selbst-)Liebe, Hass und Rache, wie es auch die Autorin getan hat. Die Wutszenen werden dann bis zur Farce überspitzt, wohl, weil sich die Regisseurin selbst nicht sicher war, ob man diesen durchgängigen narzisstischen Kränkungen einen zu großen Ernst angedeihen lassen sollte. Da wir dann dauergekotzt – angedeutet! – und geschrien, und die Männer torkeln als alkoholisierte oder wankelmütige Eigenbrötler durch das weibliche Gefühlschaos.
Neben der recht drastischen Darstellung der weiblichen Gefühlsausbrüche hat die Regie jedoch noch eine Reihe von intelligenten Anspielungen und Zitaten eingebracht. So lässt in der ersten Szene mit Heathcliff auf einem Grab mit Totenschädel Shakespeares Friedhofsszene aus dem „Hamlet“ grüßen, und später telefoniert die Bedienstete Nelly (Gabriele Drechsel) als Double von Queen Elizabeth mit schwarzem Telefonhörer am Ohr mit Catherine, die wiederum stark an Lady Di erinnert.
Die zweite Hälfte dieser Inszenierung lässt sich mit der starken Video-Nutzung und der bewusst vereinzelnden Personenregie auch als Hommage an Frank Castorf verstehen. Da gerät alles aus den Fugen, und vernünftige Dialoge gibt es nicht mehr. Überall herrscht die Auflösung, und schließlich entschwindet die innerlich zerstörte Catherine mit Wahnsinnsanfällen in den Bühnenhimmel, während Heathcliff leeren Blickes an der Rampe steht. Rache vollzogen – und was nun?
Die Premiere stand insofern unter einem schlechten Stern, als ganz kurzfristig zwei Hauptdarstellerinnen ausgefallen waren und die jeweiligen Zweitbesetzungen einspringen mussten. Flora Udochi Egbonu und Laura Eichten (Isabella) lösten dieses Problem mit hohem Einsatz und Risikobewusstsein, aber auch mit einem sehr flexibel reagierenden Souffleur. Der Wirkung tat das keinen Abbruch, ja es wirkte in gewisser Weise sogar belebend, wenn sich Frau Egbonu mitten im hitzigen Monolog den Text per Papier vom Souffleur holte, als gehöre das zum Handlungsablauf.
Nach dieser Premiere bleiben viele Fragen offen, darunter auch die nach Sinn und Wert von Romanverarbeitungen für die Bühne. Doch wenn man diese Inszenierung als Bühnenstudie über aus dem Ruder laufende Emotionen betrachtet, dann ist sie gelungen.
Frank Raudszus





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