Birgitta M. Schulte: „Ruhrgemüse polnisch“

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Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Familiengeschichte geht Birgitta Schulte in ihrem Roman „Ruhrgemüse polnisch“ der Geschichte polnischer Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet nach.

Über drei Generationen verfolgen wir als Leserinnen und Leser den Weg der Familie des Adam Koszynski, der in den 1890er Jahren aus Westpreußen mit seiner Frau Suzanna als Industriearbeiter ins Ruhrgebiet eingewandert ist. Die Familiengeschicke werden bestimmt von den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen der Zeit. Der Roman umfasst die Jahre 1893 bis 1925, also die Gründerjahre, den 1. Weltkrieg und die nachfolgend unsichere Zeit mit Inflation und Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen. Zentral ist die zunehmende Bedeutung der SPD und auch radikalerer sozialistischer Strömungen, deren Ziel die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter ist.

Schon in der Heimat war die Zugehörigkeit von Adam und Suzanna zwiegespalten: Als Bürger von Westpreußen waren sie laut Pass Deutsche, von Sprache und ethnischer Identität her waren sie jedoch polnisch.

Im Ruhrgebiet sind sie nun die Polen, die mit massiven Diskriminierungserfahrungen leben müssen.

Adam ist jedoch kein einfacher Arbeiter, vielmehr als gelernter Dreher ein Handwerker, der in der Dortmunder „Maschinenfabrik Deutschland“ eine gute Vorarbeiterposition hat mit der Aussicht, zum Obermeister befördert zu werden.

Bei einem Unfall verliert er ein Auge, was seine Position als Fast-Obermeister schwächt. Er kann zwar zunächst in die alte Position zurückkehren, wird aber durch die Intrige eines Konkurrenten als politisch rebellisch verleumdet und verliert schließlich doch seinen Arbeitsplatz.

Suzanna muss sich als Näherin verdingen, erfährt aber zunächst auch diskriminierende Zurückweisung als „polnisches Gesocks“, bis sie bei der angesehenen Familie des Commercienrats Waißheim doch eine Anstellung findet. Die Waißheims sind wohltätig eingestellt und setzen sich für die Rechte der Arbeiter ein.

Adam wendet sich nach einer Phase der Frustration der SPD und der Gewerkschaft zu, wird schließlich Mitglied und kämpft für angemessenen Lohn und den 8-Stunden-Tag. Dabei geht es ihm insbesondere um die Solidarität der Arbeiterschaft.

Birgitta Schulte zeigt am Beispiel dieser Familie und deren Umfeld, wie zerstritten die Arbeiterschaft ist und wie insbesondere unter den aus Polen stammenden Arbeitern unterschiedliche Kräfte wirken, die statt der notwendigen Solidarität das Gegeneinander zur Folge haben.

Adam und seiner Suzanna geht es um möglichst gute Assimilation, um für ihre Kinder eine hoffnungsvolle Zukunft zu schaffen. Sie lassen ihren Namen in Kosshofer eindeutschen und geben ihren Kindern neutrale Namen wie z.B. „Adam“ –, damit sie nicht auf den ersten Blick als Polen erkennbar werden. Für Adam und Suzanna bedeutet das einen Spagat zwischen der neuen und der alten Heimat, die als Sehnsuchtsort bleibt. Die Gemeinsamkeit aller polenstämmigen Einwanderer ist die katholische Kirche, die aber alle Assimilationsbestrebungen verteufelt. In diesem kirchlichen Kontext entsteht eine extrem nationalistisch geprägte Gruppierung, die auf deutschem Boden für ein neues Polen kämpft und Sozialdemokraten wie Adam als Vaterlandsverräter verunglimpft.

Adam aber bleibt bei seiner Linie, arbeitet für die SPD, immer auf Ausgleich bedacht. Er setzt sich u.a. für die Errichtung einer Zusatzkrankenkasse ein, die verhindern soll, das erkrankte Arbeiter zu früh wieder auf der Arbeitsstelle erscheinen müssen. Darüber hinaus tritt er dem „Spar- und Bauverein Dortmund“ bei, einer Genossenschaft, die es den Arbeitern erlaubt, mit einem kleinen jährlichen Beitrag größere und bessere Wohnungen zu beziehen. So kann seine Familie mit inzwischen acht Kindern schließlich in eine Fünf-Zimmer-Wohnung ziehen, die sogar ein „Closett“ hat, wenn auch auf der Etage.

So ist äußerlich ein Aufstieg sichtbar, wenn auch die Nachkriegsjahre mit der Inflation für die Familie – wie für alle – eine große Herausforderung bedeuten. Hier wird auch die besondere Rolle der Frauen deutlich. Suzanna ist das Herz der Familie, die alles zusammenhält. Als die Männer im Krieg sind, ziehen die Töchter mit ihren Kindern zu ihr, und man bewältigt den Alltag gemeinsam.

Am Beispiel der Suzanna zeigt die Autorin die Mehrfachbelastung der Frauen, die viele Geburten hinter sich haben, die zur Ernährung der Familie beitragen, zusätzlich die Familie versorgen und dem Mann den Rücken stärken müssen. Aber auch Suzanna macht einen Bewusstseinsprozess durch. Wenn sie zunächst skeptisch auf das politische Engagement ihres Mannes blick, so entwickelt sie schließlich auch ein Klassenbewusstsein. Sie macht sogar Anstalten, die religiösen Dogmen zu hinterfragen: Hat das Bild der keuschen Maria überhaupt noch einen Bezug zu den Frauen der jungen Generation? Muss man nicht gegen die Hetze der Kirche gegen Solidaritätsbestrebungen der Arbeiter angehen? Ist es nicht gut, wenn die jungen Männer den „Ballspielverein Borussia“ (1906) gründen?

Birgitta Schulte gelingt es, die politischen Entwicklungen in ihrer unmittelbaren Auswirkung auf die Familie darzustellen. Eine wichtige Etappe ist  Einführung des 1. Mai  als Tag der Arbeit durch die II. Sozialistische Internationale im Jahr 1897. Nach dem 1. Weltkrieg sind es die Einführung der allgemeinbildenden Volksschule für alle Kinder und die Errichtung von Aufbaugymnasien, die  begabten Kindern aus der Arbeiterschaft eine höhere Schulbildung erlauben. Damit gibt es die Möglichkeit für den Aufstieg aus der Arbeiterklasse.

Der Riss zwischen dem Klassenbewusstsein der Arbeiter und der aufstrebenden jüngeren Generation zieht sich auch durch die Familie. Eine der Töchter arbeitet als Buchhalterin bei der Arbeiterzeitung, ihr Mann, der keine polnischen Wurzeln hat, ist dort Redakteur. In dieser Position tritt er für die sozialdemokratische Bewegung ein. Während die älteren Söhne als ungelernte Arbeiter „auf Schicht“ gehen, macht der zweitjüngste Sohn eine Lehre, um später „Richtmeister“ am Bau zu werden. Das führt zu Konflikten, weil die Älteren dem Jüngeren den Hang zum Höheren vorwerfen. Von seinem Schwager, dem Redakteur leiht er sich Bücher, liest u.a. „Krieg und Frieden“ von Tolstoi.

Ihn wird die Autorin schließlich als „Einwanderer in ein neues Milieu“ bezeichnen. Er wird mit seiner Familie im Reihenhäuschen wohnen. Schon als Jugendlicher wehrt er sich gegen die von der Mutter noch hochgehaltene polnische Identität. Er spricht Deutsch, er will kein Pole und kein Russe sein. Er ist Deutscher. Mit seiner Figur ist die Assimilation vollzogen.

Adams Enkel wird dann Abitur machen und studieren. Ironischerweise wird er als Volksschüler von polnischen Jugendbanden verfolgt und verprügelt, weil er wohl etwas Besseres darstellt.

Der Roman ist sehr lesenswert, weil er die Situation der polnischen Arbeitsmigranten sehr anschaulich macht und dabei zeithistorische Ereignisse detailliert darstellt. Vieles ist uns heutigen Lesern gar nicht mehr so bekannt. Insofern ist die Erzählung gleichzeitig informativ und aufklärend. In den ersten Kapiteln fügt die Autorin Passagen ein, die sich unmittelbar auf die Geschichte ihrer eigenen Familie beziehen. Sie gibt damit Hinweise darauf, wie sie sich ihrem Thema angenähert hat und auf welche Quellen sie zurückgegriffen hat.

Und der Roman ist eine Hommage an die starken Frauen, die mit ihren Männern, nicht gegen ihre Männer kämpfen.

Insgesamt ist das ein informatives und leicht zu lesendes Buch, das mir einiges an neuem Wissen vermittelt hat.

Birgitta M. Schulte, Ruhrgemüse, polnisch. Stroux edition 2025, 187 Seiten.

Elke Trost

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