Helga Schubert: „Luft zum Leben – Geschichten vom Übergang“

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Das neue Buch „Luft zum Leben“ von Helga Schubert enthält die verschiedensten Texte aus einem langen Schriftstellerinnenleben. Die heute 85-jährige Autorin ist in Berlin-Kreuzberg geboren und im Osten der Stadt aufgewachsen. Als 1961 die Mauer gebaut wurde, zerschlug sich ihr Plan, zum Studium an die FU in Westberlin zu gehen. Die neue Erfahrung, „eingemauert“ zu sein, durchzieht einige ihrer Texte. Sie hat die DDR dennoch nicht verlassen, auch weil ihr wesentlich älterer Mann bleiben wollte. Sie begann schon früh zu schreiben, konnte auch zahlreiche Texte in der DDR veröffentlichen, andere unterlagen der Zensur, durften jedoch in der BRD veröffentlicht werden. Als sie 1960 zu den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ nach Klagenfurt eingeladen wurde, durfte sie der Einladung nicht folgen. Sie erhielt dann 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihr Lebenswerk.

Als in der DDR schließlich  anerkannte Schriftstellerin war sie privilegiert und durfte ab 1978 auf Dienstvisum zu Veranstaltungen in den Westen reisen, auch Tagesbesuche in Westberlin waren kein Problem.

2021 veröffentlichte sie den Band „Vom Aufstehen“, in dem sie im Wesentlichen verschiedene Episoden aus ihrem Leben zusammenträgt, die sie bewusst nicht „Roman“ nennt. Es ist jedoch ein Roman entstanden, der das schwierige Mutter-Tochter-Verhältnis in den Mittelpunkt rückt. 2023 veröffentlichte sie „Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe“, in dem sie von der Begleitung ihres  demenzkranken Mannes bis zu dessen Tod erzählt.

Nun also 2025 der Band „Luft zum Leben“. Hier erscheinen Texte, die Helga Schubert von 1960 bis 2025 verfasst hat, etliche Texte werden hier zum ersten Mal veröffentlicht. Es handelt sich um Vorträge, um kleine Skizzen, um Erzählungen mit offensichtlich autobiographischem Hintergrund, um kurze Essays.

Inhaltlich kreisen die Texte um verschiedene Themen. Ihre langjährige Erfahrung als Psychotherapeutin in der Charité schlägt sich in Texten nieder, die um das Thema Selbstmord und Verzweiflung kreisen. Dazu gehört auch die eigene Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod, bei ihr selbst ist das jedoch nicht zerstörerisch, sondern von einem unbändigen Lebensmut getragen. In diesem thematischen Umkreis stehen fast immer Frauen im Mittelpunkt.

Die ersten Erfahrungen mit dem Tod macht die junge Helga Schubert, als innerhalb weniger Jahre die beiden geliebten Großmütter sterben. Sie ist als fast noch Kind diejenige, die die jeweilige Großmutter begleitet. Sterben hat in diesen Erzählungen nichts Bedrohliches, vielmehr ist es ein friedliches Hinübergleiten nach einem angenommenen Leben.

In einem anderen Text erzählt Helga Schubert von einer jungen Frau, die nach einem genehmigten Besuch im Westen in die DDR zurückkehrt und dabei nach „Druckerzeugnissen“ gefragt wird. Das wirft diese junge Frau so aus der Bahn, dass sie psychisch krank wird und schließlich Selbstmord begeht. Hier klingt latent Kritik an der psychiatrischen Behandlung an, die offenbar nicht angemessen auf diese junge Frau eingehen kann. Die implizite Kritik richtet sich aber an die politische Einschränkung in der DDR, die diese junge Frau in die Verzweiflung treibt.

Der Tod begegnet ihr auch in der idyllischen Landschaft am Comer See, wo wie auf dem Friedhof das Grab einer 19-jährigen jungen Frau sieht, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, und das Grab einer vereinsamten Ehefrau, die sich umgebracht hat. Frische Blumen auf dem Grab der 19-Jährigen auch noch nach zwei Jahren, auf dem Grab der Selbstmörderin dagegen schon nach ein paar Tagen nur noch die unbedeckte Erde . Der Mann hat keine Zeit. Helga Schubert lässt diese Eindrücke so stehen, sie sprechen für sich.

Ein anderes großes Thema ist das Leben in der DDR im Vergleich zum Leben im Westen. Dafür steht exemplarisch die Erzählung „Das verbotene Zimmer“. Die Erzählung beginnt mit einem kafkaesken Traum, den die Erzählerin – mir scheint es legitim, sie mit Helga Schubert gleichzusetzen – vor ihrem ersten Ausflug nach Westberlin 17 Jahre nach dem Bau der Mauer träumt. Westberlin ist im Traum das verbotene Zimmer, das nur die anderen betreten dürfen. Diese anderen können im Traum auch auf fliegenden Teppichen überall hinfliegen. Wenn sie zurückkehren, erzählen sie der Beobachterin, dass es bei ihr viel schöner ist und dass sie nichts versäumt. Sie träumt dann weiter, dass sie in Westberlin ist und sich verirrt, dass sie einen Volkspolizisten (!) nach dem Weg fragt, aber er kann ihr nicht helfen – wie der Schutzmann in Kafkas Parabel „Gib’s auf!“. Den ganzen Tag ist sie getrieben von Angst: Sie hat kein Geld für eine Fahrkarte, sie hat keinen Pass und weiß nicht, wie sie zurückkommen soll, sie hat Angst, nicht rechtzeitig zurück zu sein.

Der tatsächliche Tag in Westberlin verläuft dann unspektakulär und ohne Zwischenfälle. Aber Helga Schubert analysiert genau die Eindrücke, die sie auf dieser Seite der Stadt aufnimmt. Da wird eine sehr skeptische Sicht auf diese andere Welt deutlich. Jedenfalls ist es keine Welt, in der sie unbedingt bleiben möchte. Irritierende  Begegnungen mit West-Frauen lassen in ihr ein Gefühl von Selbstbewusstsein wachsen, dass Frauen in der DDR der Gleichberechtigung näher sind als in der Bundesrepublik. West -Berlin erscheint nicht als das heiß ersehnte „verbotene Zimmer“, vielmehr als ein Raum, den in seinem Anders-Sein zu studieren sich lohnen könnte.

Einer der ersten Berlinbesuche Helga Schuberts galt einer Einladung zu einem Vortrag über „Frauen in der DDR“. Ihre Vorüberlegungen sind mehr Fragen als Antworten, denn obwohl die Gleichberechtigung vom Staat gefördert wird, zucken die Frauen vor der Übernahme von Leitungsfunktionen in der Politik oder im Beruf meist zurück. Der Grund sind die immer noch vorherrschenden patriarchalischen Denkmuster in den Köpfen der Männer. Sie reden ihren Frauen die Übernahme einer höheren Position aus, oft aus Angst vor dem Spott ihrer männlichen Kollegen. Erste Anzeichen neuer Rollenmodelle sieht Helga Schubert hoffnungsvoll in der jungen Generation.

Dennoch verklärt Helga Schubert keineswegs das Leben in der DDR. Dazu ist sie selbst zu lange Objekt der Bespitzelung durch die Stasi gewesen. In dem Text „Die Diktatur ist die Täterin. Oder?“ dokumentiert sie Auszüge aus ihrer Stasiakte. Die „Täter“ sind nicht anonyme Institutionen, es sind Menschen, die sich als Freunde ausgegeben haben, um sie besser bespitzeln zu können. Verzeihen kann sie das nicht, wenn sie auch nicht vergisst, dass ihr nichts passiert ist im Gegensatz zu vielen anderen. Ihr geht es um die Kunst der Gratwanderung, die es bedeutet, in einem autoritären System zu leben und dennoch kritische Distanz zu wahren. Das mögen manche opportunistisch nennen, Helga Schubert jedoch geht es darum, dass man auch in einem solchen System die Spielräume ausnutzen muss. Ein Mittel dazu ist die Literatur.

Damit ist ein Thema angesprochen, das als Leitmotiv die Textsammlung durchzieht: Was kann und darf Literatur? Wie darf ich als Schriftstellerin andere darstellen, ohne sie erkennbar zu machen und bloßzustellen? Ihr Anliegen ist es, genau zu beschreiben, wie die Menschen sind, sie dabei aber in ihrer individuellen Vielfalt sichtbar zu machen, so dass sie von Leserinnen und Lesern nicht als einfache Modelle gesehen werden können.

Helga Schubert ist eine mutige Autorin, die genau hinsieht und nichts beschönigt. Diese Sammlung gibt ein Bild von ihrem weitsichtigen Blick auf die unterschiedlichen Verhältnisse, in denen Menschen unter verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen leben. Dabei schreibt sie eine  klare und fast sachliche Sprache, die frei ist von Eitelkeit und großer Gebärde. Hier drückt sich ein intensives Leben authentisch aus.

Es ist ein Genuss, Helga Schuberts Texte zu lesen. Möge sie noch viel Zeit zum Schreiben haben. Ich freue mich auf das nächste Buch von ihr.

Helga Schubert, Luft zum Leben. dtv 2025, 287 Seiten, 24 Euro.

Elke Trost

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