Gnadenloser Kampf ums Dasein

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Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ gilt als einer der bedeutendsten Romane der Weltliteratur. Seine Bedeutung beruht auf der einzigartigen Verbindung einer packenden Geschichte über das Schicksals eines Walfangschiffes und seiner Besatzung mit einer existenziellen, jedoch nie aufdringlichen Symbolik. Letztere beginnt bereits mit den Namen der Hauptpersonen: Ismael – der Erzähler – war der älteste Sohn Abrahams, und Ahab ein Prophet des Alten Testaments.


Béla Milan Uhrlau, Anabel Möbius, Robert Lang, Hans-Christian Hegewald, Erwin Aljukic

Der „Weiße Wal“ steht für all das Fremde, Bedrohende des vergänglichen(!) menschlichen Daseins, und Quiqueg, der polynesische Harpunier, steht für das alltägliche Fremde und Ungewohnte. Kapitän Ahab führt einen existenziellen, verbitterten Kampf gegen den weißen Wal „Moby Dick“, der für ihn das Wesen des Bösen und einen säkularen Antichrist darstellt. Letztlich kämpft er gegen die Unerbittlichkeit des Todes, den er schließlich im letzten Kampf auch erleidet. Doch dieser Tod entwickelt geradezu apotheotische Wucht, ist in ihm doch in gewisser Weise die Essenz der menschlichen Existenz verdichtet.

Julia Prechsl hat aus der Übersetzung von Matthias Jendis eine knapp zweistündige Bühnenversion entwickelt, die sich vor allem dadurch auszeichnet, das sie weniger das klassische Rollentheater als eine dramatische Lesung darstellt. Melvilles Urtext steht im Mittelpunkt, und die sechs Darsteller – Anabel Möbius, Erwin Aljukic, Hans-Christian Hegewald, Robert Lang und Béla Milan Uhrlau – tragen diesen Text in wechselnden Rollen vor. Dabei übernehmen die Darsteller je nach Erzählungstext bestimmte Rollen, wechseln jedoch bei der nächsten Szene eventuell in eine andere Rolle. Es geht nicht um die überzeugende Charakterzeichnung einzelner Figuren des Romans, sondern um die glaubwürdige Dramatisierung des Stoffes. Der Text steht an erster Stelle.

Das Bühnenbild von Birgit Leitzinger besteht aus einem raumfüllenden, abstrakten Gerippe, das man sowohl als die Struktur eines Schiffes als auch als das Knochengerüst eines Wals deuten kann. Schon hier zeigt sich eine stringente Symbolik, die menschengemachte Technik und urwüchsige Natur in einer Art Vexierspiel verbindet. Eine durchsichtige Plastikfolie verhüllt diese Skulptur (!) nur andeutungsweise, so dass man die Akteure in dem Gerüst erkennen kann. Langsam schälen sich sechs Gestalten aus der Plane heraus und präsentieren sich dem Publikum als grau-grün gekleidete Truppe – so wie man sich abstrahiert die Kleidung der Walfänger vorstellt – mit einem Prolog aus einzelnen Worten und Sätzen, die jedoch keinen Hinweis auf die Handlung enthalten.

Nachdem sich der Erzähler Ismael auf dem Walfänger „Pequod“ zusammen mit dem exotischen Harpunier Quiqueg von zwei Schiffseignern hat anheuern lassen, geht es auf See. Dazu ziehen die Darsteller die Plastikplane vom Gerüst, deren wallende Bewegung sie dabei erst zu Segeln und dann zu Wellen werden lässt. Im weiteren Verlauf nimmt die hinter dem Gerüst abgelegte Plane die Gestalt des bewegten Meeres an, und in dramatischen Situation wird sie noch als dramaturgisches Accessoire für den Kampf und das Sterben der Seeleute dienen. An dieser Folie lässt sich zeigen, mit wie geringen Mitteln man große Wirkung erzielen kann, wenn Phantasie am Werke ist.

Zusätzlich zu dem Bühnenbild nutzt Julia Prechsl noch Videoprojektionen im Hintergrund. Diese enthalten jedoch keine realistischen See-Szenen mit Wogen und Wolken, sondern nur kurze Filmskizzen aus Gesichtern, Körpern und Alltagssituationen, mit denen die Regisseurin die szenische Befindlichkeit illustriert. Ein schwerer Sturm etwa zeigt sich in aufquellenden, dunklen Gebilden, die man als dahinjagende Wolken deuten kann. Andere Szenen zeigen zufriedene oder aufgewühlte Gesichter, ohne jedoch je in vordergründioge Direktheit zu verfallen. Die Video-Installationen übernehmen nie die Handlung, sondern unterlegen sie mit Assoziationsfetzen.

Diese Assoziationen steigern sich mit der dem Höhepunkt zutreibenden Handlung. Sowohl in der großem Sturmszene als auch während des Endkampfes mit dem Wal drücken die Darsteller die Dramatisierung vor allem durch körperliche Aktivitäten aus. Bei flackerndem Licht klettern sie mit bisweilen akrobatischen Verrenkungen durch die Streben des Gerüsts, wie es etwa Seeleute beim Segelbergen im Sturm oder beim Kampf Mann gegen Wal tun (müssen). Dazu reichern sie den ebenfalls dramatisierten Vortrag des Textes durch viele situationsgebundene Anmerkungen an. Dabei ist hervorzuheben, dass sich die Regie mit erstaunlichem Erfolg um ein realistisches Seemansvokabular bemüht und nie in eine gekünstelte Sprache verfällt. Der Höhepunkt dieser sprachlichen Authentizität ist der von Robert Lang in einer kritischen Situation hervorgestoßene Satz „Ausscheiden mit Palavern“, ein Satz, der in den letzten fünfzig Jahren bei der Marine durchaus üblich war und eine Situation auf den Punkt bringt.

Zum Schluss wird es dann noch richtig nass. Während die Seeleute einer nach dem anderen sterbend auf dem Boden der Bühne liegen, überschüttet sie Anabel Möbius als Erzählerin der letzten Worte mit drei Eimern hoffentlich nicht zu kalten Wassers. Anschließend stehen fünf Wasserleichen und eine Frau mit Eimer auf der Bühne und nehmen den begeisterten Beifall des Publikums entgegen. Einige -vor allem ältere – Zuschauer waren allerdings bereits früher gegangen, denn die geradezu expressionistischen Wortkaskaden und -collagen sowie die dramatischen Zuspitzungen ohne den üblichen, in identifizierbaren Figuren angelegten Handlungsfaden sind nicht jedermanns Sache.

Frank Raudszus

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