Politischer Pop-Playback und Parodie pur

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Das Deutsche Theater Berlin spielt Michael Frayns Komödie “Demokratie” als Musical.

Im Jahr 1969 ging die SPD die sozialliberale Koalition mit der FDP ein. Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt übernahm das Amt des Bundeskanzlers, im Hintergrund zog Ex-Kommunist Herbert Wehner die Fäden, und der junge Helmut Schmidt stand ungeduldig in den Startlöchern. In der Parteizentrale stellte der Jura-Professor Horst Ehmke zusammen mit Brandts persönlichem Referenten Reinhard Wilke den DDR-Flüchtling Günter Guillaume als Assistenten ein, der sich durch seine jahrelange, aufopferungsvolle Parteiarbeit bewährt hatte. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass die Ostberliner Stasi Guillaume mit dem Auftrag in Westdeutschland eingeschleust hatte, die Nähe der SPD-Spitze zu suchen und politische wie private Details der entscheidenden Akteure in der SPD auszukundschaften. Bis zu seiner Enttarnung und Verhaftung im Jahr 1974 hatte Guillaume Zugang zu allen vertraulichen Unterlagen der SPD-Spitze, leitete 1973 sogar erfolgreich Willy Brandts Wahlkampf und wurde dafür mit der Position des Persönlichen Referenten belohnt. Dadurch hatte er engsten Kontakt zu Willy Brandt, der sogar seinen privaten Urlaub in Norwegen mit Guillaume und dessen Familie verbrachte. Für Willy Brandt und die SPD war die Enttarnung Guillaumes eine politische Katastrophe, die sich nur mit Brandts Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers aus dem Wege räumen ließ.

Der britische Autor Michael Frayn hat dieses realpolitische Drama griechisch-antiken Ausmaßes als Vorlage für sein Theaterstück ““Demokratie“” herangezogen und die Handlung zwar eng an den bekannten Fakten ausgerichtet, die Beziehungen und Dialoge zwischen den Protagonisten jedoch frei gestaltet. Dabei ordnet er den einzelnen Personen Charaktereigenschaften zu, die nicht immer der allgemeinen Sicht entsprechen. Vor allem Guillaume bringt er zwar nicht unbedingt Sympathie, aber ein gewisses menschliches Verständnis entgegen. Bei den jahrelang dem Blick der Öffentlichkeit ausgesetzten Personen – Brandt, Wehner, Schmidt – kann er sich dagegen nicht so weit von der öffentlichen Sicht entfernen. Bei Willy Brandt betont er jedoch die Seiten, die seine Partei damals sorgfältig vor der Öffentlichkeit zu verstecken versuchte: Entscheidungsschwäche, Harmoniebedürfnis, Konfliktscheu, sein Hang zu Frauen und Alkohol und – vor allem – seine Anfälligkeit für Depressionen, die ihn immer wieder arbeitsunfähig machten.

Das Stück beginnt mit Guillaumes Einstellung im Bundeskanzleramt im Jahr 1969 und endet mit Brandts Rücktritt im Jahr 1974. Hauptakteure sind neben Willy Brandt und Günter Guillaume die SPD-Granden Herbert Wehner und Host Ehmke, der ehrgeizige Helmut Schmidt, Brandts Persönlicher Referent Reinhard Wilke, Außenminister und FDP-Vorsitzender Hans-Dietrich Genscher sowie Günther Nollau, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes.

Wie geht man ein solches Stück heute an? Als Politik-Thriller kann man es wegen des bekannten Ausgangs kaum auf die Bühne bringen, als historisches Drama schon. Doch da die historischen Ereignisse außer Brandts Rücktritt keine spektakulären Folgen zeitigten, lassen sich daraus nur sehr begrenzte politische Lehren ziehen. Man könnte es auch als das individuelle, fast tragische Scheitern einer politischen Persönlichkeit inszenieren, aber das wäre der verspäteten Brandt-Verklärung wohl etwas zu viel.
Am Deutschen Theater Berlin haben sich die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner für eine musikalische Komödie mit satirischem Einschlag entschieden. Das beginnt schon am Anfang mit einem Paukenschlag, wenn ein hoher SED-Funktionär (Jürgen Kuttner) den nach sieben Jahren Haft in die DDR zurückgekehrten Günter Guillaume (Daniel Hoevels) ausgerechnet im deutschen Theater Berlin (!) vor tristem Hintergrund und Kampfparolen  der versammelten Parteielite als Helden des Sozialismus präsentiert. Dann bittet er den “Helden”, aus seiner Zeit als Spion im kapitalistisch-imperialistischen Westen zu erzählen….

In diese Rahmenhandlung, die ganz am Schluss wieder kurz einsetzt, ist nun die oben skizzierte Geschichte eingebettet. Dabei gehen Szenen und Ereignisse fast nahtlos ineinander über, Auf- und Abtritte in klassischer Form gibt es kaum. Die konspirativen Szenen zwischen Guillaume und seinem Führungsoffizier “Arno” (Michael Schweighöfer) spielen sich in einem runden Alkoven mit demselben spießigen Ambiente wie die anfängliche Funktionärsbühne ab, der auf der Bühne herumfährt und damit die Flüchtigkeit der Treffen markiert.

Allen Szenen dieser Inszenierung wohnt ein gewisser ironischer Humor inne, als wollten Regie und Darsteller sagen, dass die hohe Politik doch eine gewaltige Farce ist. Das kommt jedoch nicht platt witzig sondern eher subkutan daher, etwa wenn Hoevels Guillaumes Anschleichen an die entscheidenden Parteimitglieder kriechend und stolpernd nachstellt, wenn Bernd Stempel einen bärbeißigen Herbert Wehner oder Andreas Döhler einen cholerischen Helmut Schmidt gibt. Bei jeder dieser Figuren denkt man trotz des dramatischen politischen Hintergrunds spontan ““Die tun nichts; die wollen nur spielen“”. Sehr anschaulich arbeitet das Ensemble heraus, dass es in der Politik stets nur um Macht, weniger um Inhalte geht. Herbert Wehner ist hier der Dreh- und Angelpunkt, und gerade die empathische Wesensart Willy Brandts betrachtet er nur als hohle Gestik, die letztlich sogar für den Machterhalt schädlich ist.

Die entscheidende humoristische Komponente ist jedoch die Musik. Fast jede Szene wird durch einen passenden Schlager aus der Zeit der sozialliberalen Koalition begleitet oder beendet. Die Originalmusik von Hildegard Knef und anderen Schlagergrößen der Zeit kommt von der CD, und die Schauspieler mimen dazu so gekonnt Playback, dass man oft meint, sie sängen wirklich selbst. Auch im Gruppengesang mit Tanz übt sich das Ensemble und kommentiert mit den seichten Texten des Schlagers das politische Geschehen. Man glaubt gar nicht, wie gut die Schlagertexte auf die Situationen passen: da geht es stets um Liebe (was suchte Willy Brandt anderes – im doppelten Sinne?), um Verrat (was tat der “brave Parteisoldat” Günter Guillaume?) und um andere Männer, die um die Gunst der Angebeteten ringen (Herbert Wehner, Helmut Schmidt). Die Schlagertexte und -melodien wecken nicht nur nostalgische Erinnerungen bei denen, die diese Zeit erlebt haben, sondern auch verblüffende Aha-Effekte bezüglich der politischen Situation im Stück.

Neben diesen musikalischen Einlagen bringt die Regie auch noch eine Menge Videos auf die Rückwand und Seiten der Bühne. Neben einigen – wenigen! – Originalaufnahmen aus der Zeit der Handlung sind dies vor allem verstärkende Aufnahmen des Geschehens auf der Bühne, mit denen man unter anderem die Rolle der Medien parodiert, denn das Aufnahmeteam erscheint gleich samt Kamera und Mikrofon-Galgen mit auf der Bühne und nimmt die Protagonisten auf. Besonders eindrucksvoll wirkt diese Technik bei Willy Brandts Besuch in Erfurt, wenn sich die Bevölkerung in Gestalt des Ensembles sowohl auf der Bühne als auch auf den Wände füllenden Videoaufnahmen gegen die Polizeikette drängelt. Dann wieder wird der mit Depressionen untätig auf einem Bett im Bühnenhintergrund liegende Willy Brandt alias Felix Goeser in Großaufnahme gezeigt. Streckenweise werden diese Videoaufnahmen zum Selbstzweck und man wünscht sich entweder Originalaufnahme zu der jeweiligen Situation oder eine Konzentration auf das Bühnengeschehen; in anderen Momenten intensivieren sie jedoch die Darstellung.

Das Einzige, das man dieser Inszenierung vorwerfen kann, ist die Länge. Mit Pause erstreckt sie sich über mehr als drei Stunden, und das liegt daran, dass so manche Szene geradezu genüsslich ausgekostet wird, und dass die Schlager oft mehrstrophig daherkommen. In den meisten Fällen würde allerdings auch eine Strophe für den Effekt ausreichen. Dadurch zieht sich das Stück etwas in die Länge, vor allem angesichts der Tatsache, dass jeder das Ende kennt. Gerade deswegen hätte man auch die Handlung straffen können und ohne Verlust an Wirkung auf zwei Stunden ohne Pause reduzieren können.

Die Darsteller verzichten darauf, die historischen Personen bis ins Detail nachzuahmen. Felix Goeser ist zehn Jahre jünger als Willy Brandt im Jahr 1969, und er versucht gar nicht erst, den typischen, sonoren Klang von Willy Brandts Stimme und sein rollendes “R” oder sein oftmals gravitätisches Auftreten nachzuahmen. Er ist eher der Archetypus des für seine Position zu weichen Politikers. Daniel Hoevels passt altersmäßig eher zu seiner Figur Günter Guillaume, spielt ihn aber als fast sympathischen jüngeren Menschen, der im Laufe der Jahre unübersehbar eine enge Beziehung zu Willy Brandt und anscheinend – oder scheinbar? – zu der Bundesrepublik aufbaut. Bei seiner “Verheldung” in Ost-Berlin wirkt dieser Günter Guillaume fast ein wenig unglücklich und scheint sich eher in sein Schicksal zu ergeben, aus dem einen in das andere Gefängnis zu wechseln.

Andreas Döhlers Helmut Schmidt kommt zwar äußerst energisch mit der Neigung zur Cholerik daher, doch den norddeutschen Tonfall deutet der Schauspieler eher hilflos mit gespitztem “S” an. Wenn es keine Unfähigkeit ist, den Tonfall glaubwürdig nachzuahmen, dann muss es parodistische Absicht sein, die allerdings zu der Tendenz des Stückes passen würde. Wie bereits erwähnt, verleiht auch Bernd Stempel dem “Ur-Rumpel” Herbert Wehner nur gebremste Knurrigkeit. Dahinter scheint immer die schalkhafte Absicht zu stecken, ein Faktotum darzustellen. Markwart Müller-Elmau ist ein umtriebiger, quirliger Hans-Dietrich Genscher, ebenfalls mit der Tendenz zur leichten Übertreibung, Matthias Neukirch ein glaubwürdig steifer, weil stets zwischen den Stühlen des pflichtbewussten Beamten und des wendigen Politikers sitzender Günther Nollau. Helmut Moshammer ist für Horst Ehmkes Statur zwar zu groß und zu schlank, aber sein Spiel scheint der historischen Person sehr nahe zu kommen. Michael Schweighöfer schließlich spielt den Führungsoffizier Arno Kretschmann als deftigen Pragmatiker des SED-Regimes.

Jürgen Kuttner schließlich ist nicht nur ein treuer und lakonischer Persönlicher Referent Reinhard Wilke, sondern präsentiert auch noch als Ulrich Bauhaus (Presse? Politischer Kommentator?), ausgehend von der politischen Situation zur Zeit der Guillaume-Krise eine viertelstündige Philippika über die Gesichtslosigkeit und Unbestimmtheit heutiger Politik, die dank ihrer Verve und Kompromisslosigkeit Szenenbeifall des Publikums auslöste.

Frank Raudszus

Anmerkung: die Fotos mussten leider aus urheberrechtlichen Gründen wieder entfernt werden

 

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