Nassim Nicholas Taleb: „Antifragilität“ – Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen

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Ein origineller Generalangriff auf das allgemeine Verständnis unser heutigen Welt.

Nassim Nicholas Taleb ist der Archetypus des nonkonformistischen Denkers. Mit hoher Intelligenz ausgestattet und von größter Belesenheit, hat er sich einen unvoreingenommenen Blick auf die Welt erhalten, der nicht durch akademische Gewohnheiten und Konventionen getrübt ist. Seine langjährige Tätigkeit als „Trader“ (Wertpapier-Händler einer Bank) hat er sich umfangreiche Kenntnisse des internationalen Finanzsystems erworben, nutzt dieses Wissen jedoch nicht für ideologische Angriffe in die eine oder gar andere Richtung, sondern zieht daraus seine Lehren für Analyse und Behandlung komplexer Systeme. Der Autor des Erfolgsbuchs „Der schwarze Schwan„, das man als stark gekürzte und thematisch verdichtete Version des vorliegenden Buch betrachten kann, breitet hier seine Ideen im Detail aus und wendet sie auf eine Reihe gesellschaftlicher Systeme an.

1504_antifragilUm auch eiligen Lesern den Einstieg in seine Ideenwelt zu ermöglichen, hat er dem Buch einen Prolog vorangestellt, in dem er auf rund dreißig Seiten seine Aussagen zusammenfasst und dem rasch blätternden Leser sogar in tabellarischer Form präsentiert. Dann geht er in insgesamt sieben „Büchern“ mit fünfundzwanzig (durchnummerierten) Kapiteln ins Detail. Ein umfangreicher Anhang mit einem äußerst hilfreichen Glossar und mathematischen Vertiefungen rundet das Werk ab.

Fragilität ist für Taleb das Kennzeichen der meisten komplexen, von Menschenhand und -verstand geschaffenen Systeme. Unerwartete externe Ereignisse können ein solches System schnell weiter destabilisieren und schließlich zum Zusammenbruch führen. Das logische Gegenteil der Fragilität ist für ihn jedoch nicht die – meist genannte – Robustheit, sondern die „Antifragilität“. Robustheit ist neutral, wie der Stein, der das Wasser über sich ablaufen lässt, ändert jedoch die Struktur des Systems nicht. Gewachsene Systeme, etwa die organischen Systeme von der Pflanze bis zum Menschen, nehmen ein schädigendes Ereignis zur Kenntnis und reagieren darauf durch Änderung ihrer Struktur. Die Evolution ist das schlagende Beispiele für diese Fähigkeit, ja, das Leben selbst ist für Taleb ein Abbild der Antifragilität. Doch auch von Menschen geschaffenen Systeme können sich nach Taleb antifragil entwickeln, wenn sie die Gelegenheit dazu erhalten.

Die moderne Welt versucht jedoch, den Zufall auszuschalten – Taleb nennt das die „Touristifizierung“ des Lebens -, und entzieht damit den meisten Systemen die Möglichkeit, auf zufällige Ereignisse zu reagieren. Tritt dann doch ein nicht vorhersehbares Ereignis („Schwarzer Schwan“) ein, so sind die Folgen meist katastrophal. Die Akademisierung der modernen Welt in Form von risikobefreiten Wissenschaftlern, die glauben, die stetig wachsende Komplexität aller Systeme intellektuell meistern zu können, stellt für ihn die größte Gefahr da, da selbst die gewagtesten oder gar abwegigsten Theorien mit dem Weihwasser der Wissenschaftlichkeit gesegnet werden und entsprechende Handlungen auslösen, ohne dass die Entwickler dieser Theorien selbst irgendein Risiko auf sich nehmen. Der wahre „Held“ des modernen Lebens ist für Taleb der kleine Unternehmer, der nach dem Prinzip „Trial and Error“ am Markt operiert und seine eigene Existenz einbringt, während die Manager von Großunternehmen durch ihre Entscheidungen zwar weitreichende Konsequenzen heraufbeschwören können, dafür aber lediglich durch eine finanzielle gut gepolsterte Entlassung „bestraft“ werden. Das Scheitern des Einzelnen – des kleinen Unternehmers – stärkt demnach die Antifragilität des Ganzen.

Im Buch II behandelt Taleb die Tatsache, dass die moderne Welt die Antifragilität bewusst verleugnet. Da werden im Kern antifragile Systeme – z. B. bestimmte Märkte – durch politisch bedingte Eingriffe solange „überstabilisiert“, bis sie fragil werden. In Deutschland lässt sich das an vielen Überregulierungen nachvollziehen, neuere Beispiele sind die „Mietpreisbremse“ oder der „Mindestlohn“. In diesem Zusammenhang definiert Taleb die „Bottom-up-Volatilität“, bei der sich ein komplexes System aus vielen Einzelsystemen selbst stabilisiert, indem die einzelnen Teile miteinander konkurrieren und schließlich ein Gleichgewicht finden. Das Risiko der einzelnen – kleinen – Teile ist dabei überschaubar, und das Ganze profitiert von Fehlern dieser selbständigen Elemente. Das Gegenteil dazu bildet die „Top Down“-Planung komplexer Prozesse, die meist scheitert – Beispiele im öffentlichen Bereich  gibt es zuhauf. Im politischen Bereich bilden föderale Länder wie die Schweiz oder Deutschland antifragile Systeme, während zentralistische wie Frankreich fragile Merkmale aufweisen. Saudi-Arabien scheint dieser These zu widersprechen, jedoch wurde die absolut herrschenden Scheichs lange Zeit von den USA unterstützt, und so wachsen die Probleme langsam unter der Oberfläche des autoritären Staates. Den für einige Jahrzehnte real existierenden Sozialismus erwähnt Taleb erst gar nicht. Im medizinischen Bereich ist die Impfung ein Beispiel für Antifragilität: die „Schädigung“ durch kleine Dosierungen eines Giftes stärkt mittelfristig den Organismus.

Ein wichtiges Element der Antifragilität ist für Taleb die „Prokastination“, d.h. die Neigung, Entscheidungen vor sich her zu schieben. Für die meisten Systeme hält er ein solches „Aussitzen“ für besser als aktionistischen „Interventionismus“, der den Systemen gar nicht erst die Möglichkeit zur Bildung von Antifragilität bietet. Dagegen steht die politisch erwünschte populistische Wirkung konkreter Eingriffe, während das Ausbleiben von Katastrophen durch Abwarten gar nicht bemerkt wird.

Prognosen sind für Taleb ein weiteres Übel, da sie fast durchweg aus empirischen Daten der Vergangenheit gewonnen werden und damit den „schwarzen Schwan“ des seltenen Ereignisses verfahrensbedingt ausblenden. Die einzige für Taleb stichhaltige Prognose besteht darin, den Bankrott solcher Firmen vorherzusagen, die ihr Geschäftsmodell auf „wissenschaftlichen“ Prognosen aufbauen.

Ein zentraler Begriff ist für Taleb die „Optionalität“. Darunter versteht man die Risikoabschätzung einer Entscheidung, bei der der mögliche Verlust bekannt und begrenzt, der potentielle Gewinn jedoch unbekannt und unbegrenzt ist. Die in der Öffentlichkeit oftmals stark kritisierten Derivate der Banken, z. B. Optionsscheine, arbeiten nach diesem Prinzip. Wer den möglichen Totalverlust seines Einsatzes – wie bei einer Wette – von vornherein gegen den möglichen Gewinn abschätzt und einkalkuliert, kann damit schnell sehr viel Erfolg erzielen. Dieses in Finanzkreisen bekannt Konzept lässt sich auf (fast) jede andere Umgebung übertragen, etwa bei der Entwicklung neuer Energieträger oder in der Medizin. Solange man bei hohem potentiellen Nutzen den möglichen Schaden eindeutig begrenzen kann, bietet die Optionalität eine gesunde Basis. Sie ist jedoch nicht mit der reinen Zufallssteuerung eines Lotterieloses zu verwechseln. Das Gegenteil ist die negative Optionalität, bei der bei überschaubarem Nutzen der potentielle Schaden nahezu unbegrenzt ist. Beispiele sind die Kernkraft und die Staatsschulden. Taleb weist weiterhin auf die enge Verbindung zwischen Optionalität und „Trial & Error“ hin. In jedem Bereich geht dieses Verfahren von einem begrenzten Ressourceneinsatz bei potentiell hohem Nutzen aus. Selbst einige gescheiterte – kleine – Projekte tragen in diesem Sinne noch zum Gesamtnutzen bei, indem sie einen Weg ausschließen und auf alternative Ansätze verweisen.

Ein weiteres Kennzeichen der Moderne sind für Taleb die „Epiphänomene“, bei der die Kausalität einer Beziehung vertauscht wird. Als Beispiel dient – trivial – die Annahme, der Kompass steuere das Schiff, aktuell die Behauptung, der Kapitalismus sei die Ursache für die menschliche Gier. Taleb verweist lakonisch auf die Tatsache, dass die Habgier laut Bibel und anderen alten Schriftwerken wesentlich älter als der Kapitalismus ist und diesen erst möglich gemacht hat. Ebenso wird für ihn der Zusammenhang von Bildung und Wohlstand verdreht. Für ihn ist Bildung eine Folge des Wohlstands, der sich wiederum über die Tüfteleien vieler kleiner Unternehmer nach dem Prinzip „Trial & Error“ gebildet hat. Diese Sicht erklärt auch, warum der Sozialismus trotz Bildung nie Wohlstand geschaffen hat. Daraus schließt Taleb, dass Handeln vor Denken geht. Es ist für ihn allemal besser, etwas praktisch auszuprobieren, als darüber wissenschaftliche Abhandlungen zu verfassen. Denn für ihn gilt: „Aktivität reduziert Komplexität“.

Im Weiteren unterscheidet Taleb den „prometheischen“ Typ (Vorausdenker – kreativ, intelligent) vom epimetheischen (Hinterherdenker – abgestanden, unintelligent).  Ersterer wagt neue Dinge und bricht eingefahrene Strukturen auf, letzterer interpretiert alles nach „bewährten“, d. h. konventionellen Regeln. Die industrielle Revolution ist für ihn nicht von universitären Wissenschaftlern  sondern von Amateuren und Tüftlern vorangetrieben worden. Die Wissenschaft hat die Erfindungen und Entdeckungen der Tüftler „nur“ formalisiert und in der Lehre weitergegeben. Aus diesem Grund hält Taleb auch nichts von zielgerichteter Forschung. Vor allem in Technik und Medizin hat sich gezeigt, dass bedeutende Erfindungen sozusagen „nebenbei“ entstanden sind, während die ursprüngliche Forschungsziele irgendwann im Sande verliefen. Auch die Schule mit ihren vorgefertigten Lehrstoffen erzeugt nur „eindimensionale Fragelisten“. Für Taleb sind das Leben und das Lesen die besten Lehrmeister. Sogar mit Sokrates nimmt Taleb es auf: unter dem Stichwort „Wahrheit & Logik“ bezeichnet er den Athener Philosophen als „naiven Rationalisten“, der den (Überlebens)Wert von Traditionen verkennt, die sich nach dem Prinzip „Trial & Error“ von unten nach oben („bottom up“) entwickelt haben.

Einen Großteil seiner Überlegungen widmet Taleb der Nichtlinearität der meisten Prozesse. Das bedeutet, das sich die Werte jenseits eines wie immer definierten Mittelwert meist dramatisch beschleunigen. Die Politik und sogar die etablierte Wissenschaft rechnen jedoch in den meisten Fällen mit linearen Funktionen, sei es aus mangelnder Kenntnis oder aus opportunistischen Gründen. Beispiele sind die horrenden Kosten- und Terminüberschreitungen bei großen Bauprojekten. Diese Sicht hängt auch mit der fatalen Annahme der sogenannten „Sowjet-Harvard-Illusion“ (der Begriff spricht für sich selbst!) zusammen, man könne sämtliche politischen und gesellschaftlichen Prozesse durch den reinen Intellekt zentral überwachen und steuern.

Auch in der Medizin diagnostiziert er die schädliche Wirkung des „Interventionismus“, der jede – auch schwache – Abweichung von einer wie auch immer definierten Norm als Anlass einer medikamentösen (oder gar chirurgischen!) Maßnahmen nimmt, deren Nebenwirkungen und Spätfolgen oft gar nicht abzuschätzen sind. Dieser Interventionismus unterschlägt seiner Ansicht nach die Tatsache, dass die realen medizinischen Werte meist um den Mittelwert streuen. Generell unterscheidet er zwischen der „via positiva“, die für jede Situation eine konkrete Maßnahme vorsieht, und der „via negativa“, bei der man sich darauf beschränkt, schädliche Maßnahmen zu vermeiden. Letztere Methode hält er für komplexe, tendenziell antifragile Systeme für die bessere.

Man könnte aus dieser Zusammenfassung den Schluss ziehen, Taleb fordere im Sinne der viel gescholtenen „Neoliberalität“ eine Freigabe aller Systeme, vor allem der Finanzmärkte. Das ist jedoch durchaus nicht der Fall. Zu den heftig kritisierten Funktionsträgern der Wirtschaft gehören auch die Bankmanager, die ohne jegliches eigenes Risiko hohe Risiken für die Gemeinschaft (Steuerzahler!) eingehen. Dabei stellt er die Forderung, die Bankmanager auch für Verluste in die Haftung zu nehmen, wobei er die Modalitäten einer solchen Regelung nicht ausarbeitet. Seine generelle Forderung gilt nicht einer uneingeschränkten Liberalität der Märkte im Sinne eines Sozialdarwinismus, sondern die Beschränkung von Eingriffen auf offenkundige Fehlentwicklung, dann jedoch eher im Sinne der „via negativa“ als durch konkrete, zielgerichtete Eingriffe.

Taleb hat sich mit diesem Buch wahrscheinlich keine Freunde erworben, da er den gesamten Wissenschaftsbetrieb und die Großunternehmen hinsichtlich ihrer Selbsteinschätzung und Entscheidungsfindung kritisiert. Seine grundsätzliche Kritik klingt zwar in sich konsistent und nachvollziehbar, stellt jedoch nahezu alles in Frage, wodurch sich diese Institutionen definieren. Dazu kommt, dass die Lektüre dieses Buches einige Vorkenntnisse in den Naturwissenschaften, vor allem der Mathematik, erfordert, die nicht bei allen Lesern vorhanden sind. So paart sich sachliches Unverständnis mit intuitiver Ablehnung („getroffene Hunde bellen“) zu einer breiten Front, deren Taktik meist darin besteht, das Buch nicht zu verreißen sondern es totzuschweigen. In diesem Sinne ist auch dieses Buch in weiten Kreisen gar nicht bekannt. Diese Rezension soll einen kleinen Beitrag liefern, den Bekanntheitsgrad zu erhöhen und mehr Leser anzulocken.

Das Buch „Antifragilität“ ist im Knaus-Verlag erschienen, umfasst 686 Seiten (davon über 100 für den Anhang) und kostet 26,99 Euro.

Frank Raudszus

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