Ein pianistischer Gang durch die Romantik

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Nikolay Lugansky spielt auf Schloss Johannisberg Werke beider Komponisten des 19. Jahrhunderts.

Nach dem großen Tschaikowski-Abend im Kurhaus Wiesbaden erwies das Rheingau-Musik-Festival wenige Tage später dem russischen Komponisten noch einmal Reverenz. Der russische Pianist Nikolay Lugansky, Jahrgang 1972, spielte am 22. Juli auf Schloss Johannisberg Werke zweier Komponisten, die das romantische Jahrhundert sozusagen eröffneten und beendeten.

Nikolay Lugansky

Nikolay Lugansky

Franz Schubert wurde noch in die klassische Epoche hineingeboren und musste sich sein gesamtes, kurzes Leben an dem damals noch lebenden Beethoven – er starb ein Jahr nach Schubert – messen. Schubert löste sich bereits vorsichtig von der durch die Aufklärung beeinflussten und daher vorwärts drängenden Wiener Klassik, war aber dieser natürlich immer noch stark verhaftet. Der über vierzig Jahre jüngere Tschaikowksi war ein Jünger der Romantik und führte diese bis an ihr Ende, das mehr oder minder mit dem Ende des Jahrhunderts zusammenfiel. Früh- und Spätromantik trafen sich also an diesem Abend im „Fürst von Metternich“-Saal auf Schloss Johannisberg.

Auf dem Programm des Abends stand jeweils eine Sonate jedes Komponisten sowie zum Aufteakt jeweils einige kleinere Werke. Bei Schubert waren das die beiden Scherzi D 593 und bei Tschaikowski drei Stücke aus dem Zyklus „Die Jahreszeiten“.

Die beiden Schubert-Scherzi unterscheiden sich deutlich. Das erste ist eher liedhaft leicht und steht in jeder Sammlung für Klavierschüler, das zweite ist umfangreicher und erinnert in seiner Schwerte und Kompaktheit an eine kleine Sonate. Lugansky spielte sie in dieser Reihenfolge und bereitete damit das Publikum auf die späte Sonate D 958 in c-Moll vor. Das erste Scherzo klang bei ihm schwerelos und fast heiter, während er dem zweiten schon größere Bedeutung mit auf dem Weg gab.

Die Sonate entstand in Schuberts Todesjahr, und es ist durchaus nicht abwegig, diesem Werk eine gewisse Todesahnung unterzuschieben. Schon die Tonart weist darauf hin, die auch Beethovens Lieblingstonart war. Überart steht diese Sonate Beethovens Sonaten am nächsten. Das beginnt schon mit den schicksalsschweren Akkorde am Anfang und setzt sich fort in der streckenweise zerrissenen Metrik mit den abrupten Brüchen und eingestreuten Pausen.Der zweite Satz erinnert besonders hinsichtlich Dichte und Kompaktheit an späte Beethoven-Sonaten und lässt keinen Raum für Leichtigkeit und Heiterkeit, die in Schuberts früheren Sonaten doch imemr wieder durchscheinen. Eine ähnliche Strenge und Kompromisslosigkeit zeichnet auch den Finalsatz mit seinen chromatisch auf- und absteigenden Synkopen, den dynamischen Brüchen und wechselnden Tempi aus. Hier erinnert Schubert am meisten an den späten Beethoven und kann sich mit dessen letzten Sonaten durchaus messen. Nikolay Lugansky formte die dunklen Seiten dieser Seite deutlich heraus, ohne in pianistische Selbstdarstellung zu verfallen. Seine Virtuosität setzte er wie selbstverständlich dort ein, wo es notwendig war, und bewies an anderen Stellen seine Fähigkeit des subtilen Anschlags, mit dem er unterschiedlichste Klangfarben und emotionale Aspekte zum Ausdruck brachte. Der letzte Satz forderte dabei wegen seiner komplexen Struktur nicht nur den Solisten in höchstem Maße, sondern auch die Aufmerksamkeit des Publikums, denn das musikalische Material schien sich in den harmonischen und thematischen Abwandlungen geradezu aufzulösen.

Das Publikum zeigte bereits zur Pause deutliche Begeisterung über die Schubert-Interpretation Luganskys und bedankte sich mit mehr als kräftigem Beifall.

Der zweite Teil begann mit den Stücken „Januar“, „August“ und „November“ aus Tschaikowskis Zyklus „Die Jahreszeiten“. Das sind musikalische Momentaufnahmen, die eine bestimmte Stimmung wiedergeben. Auch hier zeigte sich Luganski als Meister der kleinen Form wie bei Schuberts Scherzi und arbeitete die unterschiedlichen Charaktere dieser drei Musikstücke deutlich heraus.

Anschließend, nach einer kurzen Pause der Besinnung, präsentierte er Tschaikowskis „Grande Sonate“ in G-Dur, op. 37 aus dem Jahr 1878. Gleich der erste Satz ist kommt  – ähnlich dem ersten Klavierkonzert – mit gewaltigen Akkordketten daher, die nur selten lyrisch-gesanglichen Passagen unterbrochen werden. selbst das Andante des zweiten Satzes überwiegen  Akkordkombinationen, wenn auch in getragenem Tempo. Im vierten Satz stürzen diese Akkorde in wahren Kaskaden nieder oder türmen sich zu wahren Pyramiden auf. Dabei fordern sie vom Pianisten wegen ihrer schnellen Alterationen höchste Virtuosität. Tschaikowski spiegelt in dieser „Grande Sonate“ das Lebensgefühl einer ganzen Epoche wieder, die sich durch die rasante gesellschaftliche, politische und industrielle Entwicklung großen Herausforderungen ausgesetzt sah. Die Akkordketten stehen einerseits für innere Ängste, andererseits aber auch für die seelische Revolte gegen die Unterdrückung nicht nur politischer sondern auch privater Neigungen. Lugansky zeichnete mit seiner Interpretation dieser Sonate auch ein Charakter- und Lebensbild des Komponisten, und der Zuhörer konnte sich durch sein Spiel einen Eindruck dieser bewegten Epoche verschaffen. Wie viele seiner (spät)romantischen Kollegen – Brahms, Schumann – zeigt Tschaikowski das Bild der Zerrissenheit des Menschen im 19. Jahrhundert, der zwischen verzweifelter Weltflucht, existenzieller Sehnsucht und Widerstand gegen eine rasant sich ändernde Welt schwankt.

Der begeisterte Beifall des Publikums veranlasste Nikolay Luganski noch zu drei Zugaben, unter anderem von Rachmaninow und Tschaikowski.

Frank Raudszus

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