Humor ist, wenn die Fantasie spielt

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Beim 1. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt spielt der Pianist Joseph Moog selten gehörte Werke.

Das diesjährige Motto des Staatsthaters Darmstadt lautet für Schauspiel und Oper „Humor und Lachen“. Doch auch die Konzertabteilung hat diesen Leitfaden aufgegriffen und zeigte das gleich zu Beginn der Saison. Nun ist Humor nicht gleichbedeutend mit schenkelklopfendem Lachen. Das Unerwartete, die Regeln souverän Ignorierende, die freie Fantasie, die Parodie und das freie Spiel der Ideen sind ebenfalls Elemente des Humors.

Pianist Joseph Moog

Pianist Joseph Moog

Diese Erkenntnis hat den jungen Pianisten Joseph Moog (Jahrgang 1987) offensichtlich bei der Zusammenstellung seines Vortragsprogramms für das Darmstädter Kammerkonzert geleitet. Fantasien mit und ohne Thema gehörten ebenfalls dazu wie – augenzwinkernde – Bearbeitungen bekannter Musikstücke, bei denen es die Komponisten „so richtig krachen lassen“ konnten. Um diese Stücke vorzutragen, muss ein Pianist allerdings über höchste technische Fähigkeiten verfügen, da Musiker wie Franz Liszt, der nicht gerade für schlichte pianistische Arrangements bekannt ist, Carl Czerny und Frédéric Chopin daran beteiligt waren, um nur die bekannten Namen zu nennen. Joseph Moog verfügt über diese Fähigkeiten und bewies dies eindrücklich in einem zweistündigen Kraftakt.

Beethovens „Fantasie op. 77“ in g-Moll beginnt mit einem überfallartigen Abwärtslauf, der unvermutet in ein kurzes liedhaftes Thema übergeht. In der Folge wechseln sich unterschiedlichste kurze Themen mit durchrauschenden Läufen oder schnellen, auf- und abführenden Figuren ab. Das Ganze scheint keiner vorgegebenen Struktur sondern nur spontanen musikalischen Ideen zu folgen. Einem Allegro con brio folgt ein kurzes Adagio, das wiederum von einem Presto abgelöst wird. Sechzehntelfolgen, Triolen und fünffüßige Sechzehntel lösen sich ab, Stakkato folgt auf Legato, und das Ganze endet dann wieder in einem langgezogenen Lauf über vier Oktaven. In der zweiten Hälfte wird dabei ein Thema durch verschiedene Tonarten variiert. Von g-Moll geht es nach d-Moll, dann nach b-Moll, h-Moll, D-Dur und schließlich H-Dur, wo die Fantasie dann auch endet.

Franz Liszts „Deux Légendes“ über Franz von Assisi setzen diesen Trend in gewisser Weise fort, wenn auch programmatisch. Da trillern die Vögel in den höchsten Lagen des Klavkers, während Franz  dazu in gemessenen Worten – der linken Hand – predigt. Ähnlich schreiten der Heilige Franz von Padua in weiten Wellenbewegungen über die Wogen.

Den Abschluss des ersten Teil bildete ein wahrer „Kracher“. Das „Hexameron, Morceau de Concert“ aus dem Jahr 1837 ist eine sechsteilige Variationenfolge plus Introduktion über ein Thema aus Bellinis Oper „I Puritani“ , an der sich neben Liszt noch vier verschiedene Komponisten beteiligten, darunter Carl Czerny und Frédéric Chopin. Hier packen die Klaviervirtuosen ihr gesamtes Repertoire aus und übertreffen sich gegenseitig derart an technischen Raffinessen und Schwierigkeiten, dass ein Pianist im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun hat, um das Werk über die Runden zu bringen. Hier brilliert eine Variation mehr als die andere, sei sie nun „Allegro marziale“ oder „Largo“. Man mag manches für pianistischen Selbstzweck und Profilierung der klavierspielenden Komponisten (oder komponierenden Pianisten) halten, aber gut gemacht ist es dennoch und lohnt den öffentlichen Vortrag auf jeden Fall.

Joseph Moog präsentierte diese unetrschiedlichen Kompositionen nicht nur aus dem Kopf, sondern bei aller technischen Brillanz mit einer Leichtigkeit und Präzision, die den Eindruck erweckten, er müsse dafür nicht üben, sondern dieses Können sei ihm in die Wiege gelegt worden. Selbst bei den schnellsten Läufen, Akkordketten und Oktavreihungen hörte man jeden einzelnen Ton gestochen scharf, und der Anschlag klang keinen Augenblick angestrengt.

Der zweite Teil begann etwas ruhiger mit verschiedenen Stücken von Claude Debussy. Wenn diese Stücke auch nicht unbedingt humoristisch sind, so wohnt ihnen dennoch ein wenig Humor inne, indem sie gegen die akademischen Regeln der Zunft verstießen und sich der Klangmalerei verschrieben. Auch hier zählte zuerst der Einfall, das musikalische Gefühl und die spontane Idee, und Debussy verspottete mit diesen Stücken implizit die verkrusteten Strukturen der Musikwissenschaft seiner Zeit. Joseph Moog zeigte hier seine andere Seite, die spätromantisch-sensible mit einem besonderen Sinn für raffinierte Klangkombinationen, die er denn auch mit viel Liebe zum Detail auskostete.

Zum Schluss gab es dann noch zwei typische „Rausschmeißer“. Der „Schatzwalzer“ von Ignaz Friedmann (1882-1948) ist ein Arrangement verschiedener Walzer von Johann Strauß. Bösartige Zungen würden es vielleicht einen „Potpourri“ nennen, doch dafür ist es musikalisch und vor allem pianistisch zu anspruchsvoll, denn Friedmann lässt nur den Rumpf der einzelnen Walzerthemen bestehen und kombiniert diese beliebig zu einem neuen musikalischen Kunstwerk, das nichts gemein hat mit der so gern angeführten „Walzerseligkeit“. Schnelle Akkordfolgen, Läufe und komplizierte vollhändige Motive prägen dieses Werk, das an Technik und Konzentration des Pianisten die höchsten Anforderungen stellt. Dennoch weist  dieses Stück gerade wegen der vielen Wiedererkennungseffekte humoristische Züge auf.

Ähnliches gilt für Symphonischen Metamorphosen über die „Fledermaus“, die einen Abriss der Oper in einem etwa viertelstündigen Klaviervortrag geben. auch hier wieder höchste Dichte, melodische und harmonische Wechsel durch Motive und Harmonien, orchestrale Klangräume auf den Tasten eines Flügels unter voller Ausnutzung der Klangmöglichkeiten eines Flügels. Angesichts des hohen Tempos und der hohen technischen Anforderungen merkte man Joseph Moog, der bis dahin unangestrengt und locker wirkte, an einigen Stellen die hohe Konzentration und die physische Anstrengung deutlich an. Doch er meisterte auch dieses Stück wie alle vorangegangenen souverän und mit großem Können, und das Publikum dankte ihm dafür mit langem, ausgesprochen kräftigem Beifall. Dadurch fühlte er sich noch zu drei Zugaben animiert, die nun etwas ruhiger und wie ein Ausklang eines bewegten Abends daherkamen, deswegen aber nicht weniger anspruchsvoll waren.

Frank Raudszus

 

 

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