Die Berliner Schaubühne zeigt William S. Burroughs Musical „The Black Rider“

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Ensemble
Auf der Droge des Teufels    

Die Berliner Schaubühne zeigt William S. Burroughs Musical „The Black Rider“
Wer ist hier eigentlich mehr durch geknallt? Die Mutter (gespielt von Jule Böwe), die an der Droge Alkohol hängt und ihre Gedanken nicht mehr richtig zu fassen vermag? Die Tochter (Lucy Wirth), die wie eine läufige Hündin ihrem Freund hinterher hechelt? Ihr Freund (Franz Hartwig), der seine anfängliche Sensibilität völlig aufgibt und nur noch wild um sich schießt und schließlich seine Geliebte tötet? Der Vater, Förster seines Zeichens (gespielt von Sebastian Nagajew), der sich gerne wie die Tiere im Aas suhlt und die Gefühle seiner Frau und Tochter gar nicht mehr mitbekommt? Der Bekannte des Vaters und gewünschte Schwiegersohn (Ulrich Hoppe), der als Waldmensch mit dem Leben der Gesellschaft kaum etwas zu tun hat und meist auf seinem Hochsitz beobachtend verweilt? Die Band, die das Stück begleitet und den Zuhörer auf einen LSD-Tripp mitnimmt?

So peitscht sich die Musik von Tom Waits in die Ohren des Publikums, dass man völlig orientierungslos zu sein scheint und Mühe hat, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Sind wir alle auf Droge? Berauscht vom Wahn, alles stemmen zu können? Wir zappeln uns ab, wie der Freund, der schließlich zusammenbricht, weil der Körper kapituliert. Im Grunde handelt dieses zwischen Schauspiel und Musical zu verortende Stück von der bekannten Dissonanz zwischen jugendlicher, körperlicher Liebe und der elterlichen Abgeklärtheit. Die Försterstocher verliebt sich in den jungen Schreiberling, während sich vor allem der Vater den starken Schwiegersohn wünscht, der sein Handwerk fortführen und den Lebensabend der Eltern sichern kann. Die letzte Chance für den intellektuellen Dreikäsehoch, doch noch des Vaters Akzeptanz zu erlangen, liegt in dem Erlernen des Jagens als Herzstück des försterlichen Daseins. Geplagt vom erwarteten Missgeschick mit dem Gewehr, wendet sich der Jüngling dem Teufel, the Black Rider (Tilman Strauß), zu, der ihm verspricht, dass jede Kugel ihr Ziel erreicht, gleich wohin er denn tatsächlich ziele. Jedoch führen die Pillen, welche er dazu einnehmen muss, zu starken Verwerfungen des Bewusstseins. Getrieben vom Wahn nach Erfolg in der Jagd, kommt es schließlich zum Unfall, bei dem der Jüngling seine Geliebte versehentlich tötet. Nicht dass er auf sie gezielt hätte – die Kugel erreicht schlicht ihr definiertes Ziel von selbst – schlussendlich ist dies des Försters Tochter.

EnsembleDie Aufführung lebt in ihrer Intensität nicht zuletzt vom recht kleinen Theaterraum und der gedrängten Bühne. Die Musiker sind auf verschieden hohen Sockeln positioniert und kesseln die bespielte Bühne zwischen sich ein. Dazwischen irren die Schauspieler umher und siechen zumeist als Opfer des Teufels und ihrer selbst dahin. Die Musik ist dominant und intensiv und dennoch sehr gut hörbar. Sie gibt den Rhythmus des Stücks vor und dirigiert die Charaktere wie Kugeln in einem Flipper. Es gibt keinen Ausweg aus der Situation – wer sich einmal mit dem Teufel eingelassen hat, findet kein Entkommen mehr. Der unaufhaltsame Strudel des gezeigten Lebens bedingt wohl auch, dass sich die Regisseurin (Friederike Heller) gegen eine Pause im Stück entschieden hat. So ist auch der Zuschauer über zwei Stunden an seinen Stuhl gefesselt, in den Bann gezogen und erlebt das Leiden der Familienbande nicht nur visuell sondern auch körperlich mit. Das Stück ist aus Zuschauersicht ein gutes Stück Arbeit – wer leichte Unterhaltung vorzieht, sollte lieber ein Berliner Kabarett besuchen. Dennoch lohnt das Durchhalten, denn die schauspielerische Leistung ist herausragend. Gerade die Mutter hat nur wenige Minuten abseits der Bühne und spielt eine starke Rolle mit ihrer dauerhaften Präsenz. Ihre Tochter bringt die Leichtigkeit eines jungen Mädchens mit und begeistert auch durch ihr hübsches Äußeres und ihr keckes Kleid. Das Auge kommt hier sicherlich nicht zu kurz! Zum Schluss bleibt noch, ein großes Lob an die Mitglieder der Band zu richten. Sie spielen in diesem Musical unmissverständlich eine Hauptrolle. Trotz ihrer Omnipräsenz ist die musikalische Darbietung vielschichtig und wechselt von zarten Klängen mittels Crescendi ins Fortissimo und zurück. Ab und an werden auch nur Geräusche des Waldes imitiert, und Klänge von nur einem der Podeste leiten das Schauspiel zu ihren Füßen. Gerade eben deshalb ist für ein musikalisch begeistertes Publikum „The Black Rider“ unbedingt zu empfehlen!
Noch bis zum 1. September zu sehen in der Berliner Schaubühne am Ku-Damm.

Malte Raudszus

Alle Fotos © Thomas Aurin

 

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