Als Christopher Clark vor zwölf Jahren mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ vor allem die europäische Historiker-Gemeinde kräftig durchrüttelte, avancierte der gebürtige Australier in den Augen der Öffentlichkeit zum Europa-Experten. Dass er daneben noch verschiedene Bücher über Preußen verfasst hatte, drang in der Öffentlichkeit ironischerweise gerade wegen des „Schlafwandler“-Erfolges nicht durch. Doch gerade die intensive Beschäftigung mit dem viel geschmähten Preußen hat das vorliegende Buch offensichtlich als eine Art Kollateralnutzen hervorgebracht, denn in ihm verzichtet er zugunsten einer lokalen Geschichte bewusst auf historische Breite und Tiefe der Darstellung.
Dieses Buch zeigt viele Züge einer Novelle, insofern der Autor sich hier auf ein bestimmtes Ereignis beschränkt, das im Grunde nur zwei Personen betrifft und einen geradezu paradigmatischen Verlauf nimmt. Clark muss dieser „Skandal“ – wie der Titel ihn treffend bezeichnet – derart einzigartig und doch beispielhaft erschienen sein, dass er ihn als eigenständiges Buch veröffentlichte.
Im Mittelpunkt stehen die beiden protestantischen Prediger Johannes Ebel und Georg Diestel, denen die Aufklärung des 18. Jahrhunderts etwas zu radikal erschien und die deswegen eine eher bibeltreue Glaubenslehre vertraten, die durch evangelikale Mythen angereichert war. Ein versponnener Theosoph des frühen 19. Jahrhunderts hatte dabei auch noch mitgewirkt, von dem sich die beiden jedoch lehrseitig distanzierten.
Die ersten zehn Jahre verlief alles bestens, und die beiden konnten eine große Zuhörergemeinde um sich scharen, die sich ebenfalls von der plötzlichen Säkularität der Aufklärung im Stich gelassen fühlte. Der tiefe, emotional gegründete Glaube steckte noch tief in den Köpfen und Herzen der Gläubigen, und so folgten sie den bewusst den rationalen Rahmen des Luthertums sprengenden Erzählungen der beiden Prediger gerne und fühlten sich in deren engen Glaubensgemeinden sehr wohl.
Doch wie es bei ausschließlich emotional geprägtem Glauben so der Fall ist, fehlt den subjektiven Sichtweisen der Gemeindemitglieder irgendwann der rote Faden des Logos, und so kommt es dann in der Gemeinde zu Auseinandersetzungen und Konflikten. Im vorliegenden Fall lässt sich das nachträglich nur schwer nachvollziehen, da sich der Skandal weitgehend auf der Basis von Gerüchten und Übertreibungen entwickelten, die eine derartige Dynamik und Glaubensferne entwickelten, dass sowohl kirchliche als auch staatliche Stellen glaubten, eingreifen zu müssen. Dass dabei so mancher Anhänger der Säkularisierung die Chance nutzte, den Weiterungen einer als irrational betrachteten Glaubenslehre einen Riegel vorzuschieben, steht auf einem anderen Blatt.
Dass vor allem Ebel auch die Ehe auf eine gesunde emotionale Basis stellen wollte und dabei Gespräche der Eheleute auch über intime Angelegenheit empfahl und förderte, war Wasser auf die Mühlen seiner männlichen Gegner, die dadurch ihre männliche Vormacht in der Ehe bedroht sahen. Also unterstellte man ihm heimliche sexuelle Treffen bis hin zu Orgien, und die ganze Geschichte schlug Wellen bis nach Berlin. Nachdem ein erster Versuch der Absetzung der beiden Prediger gescheitert war, verschafften Änderungen in der politischen Landschaft hin zu einem – ja: preußischen – Rationalismus Anfang der 1830er Jahre den Gegnern der beiden Prediger die Gelegenheit, endlich reinen Tisch zu machen. Die Gerüchte wurden ins Absurde gesteigert, und die Behörden sahen das nun als günstige Gelegenheit, endgültig klare Verhältnisse zu schaffen. Clark zeigt deutlich und nicht ohne einen Anflug bitterer Ironie, wie gerne die Behörden haltlose Behauptungen als Beweise nahmen und alle Gegenzeugnisse – die es in hoher Zahl gab – als unbewiesen oder unsachlich abtaten.
Für den heutigen Leser entwickelt sich in aller Öffentlichkeit ein Justizskandal erster Klasse, den eigentlich viele als solche erkennen, aber aus politischen oder zeitgeistlichen Gründen hinzunehmen bereit sind. Selbst hochrangige Mitglieder der Königsberger Gesellschaft konnten sich gegen die breite Front der Prediger-Gegner nicht durchsetzen. Clark verzichtet zwar bewusst auf einen entsprechenden Verweis, aber dennoch erinnert die Entwicklung an die Judenverfolgung Anfang der 1930er Jahre, als noch keiner an KZs dachte, aber sehr viele den Juden gerne eins auswischen wollten oder nicht opponierten, wenn andere es taten. Insofern ist dieses Buch tatsächlich eine Novelle im engeren Sinne, als es ein einzelnes Ereignis bis zu seinem bitteren Ende hin beschreibt und daraus die Lehre zieht, wie die Gemeinschaft aus bisweilen schwer nachzuvollziehenden Gründen eine Gruppe von Menschen systematisch ausgrenzt und sogar in den persönlichen Ruin treibt.
Dass beide Prediger später eine recht magere Rehabilitation erfuhren, ändert an diesem Skandal nichts, denn der betrifft als „Skandal“ nicht die beiden Opfer und ihre treuen Anhänger, sondern eine sich selbst aufhetzende Gemeinde, die Feinde und Opfer sucht.
Das Buch ist in der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) erschienen, umfasst 222 Seiten und kostet 25 Euro.
Frank Raudszus


No comments yet.