Mei Hong Lin stellt im Darmstädter Tanztheater ihre neue Choreographie „Camille“ vor

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Veronica Bracaccini (Camilles Kreativität), Ana Sánchez Martínez (Camille Claudel in der Gegenwart), Sofia Romano (Camilles Wahn)
Eine leidvolle Geschichte von Genie und Wahnsinn  

Mei Hong Lin stellt im Darmstädter Tanztheater ihre neue Choreographie „Camille“ vor
Das letzte Geräusch dieser Choreographie erinnert an eine zufallende Stahltür oder an einen ernergisch umgedrehten Schlüssel. Symbol für ein endgültiges, doppelt sicheres Wegschließen eines Menschen. Die Hauptperson liegt dazu gekrümmt mitten auf der Bühne, das Licht erlischt langsam.

Worum geht es? Die Französin Camille Claudel, Schwester des berühmten Literaten Paul Claudel, kam im Jahr 1864 in einer der weiblichen Selbstverwirklichung nicht sehr gesonnenen Gesellschaft zur Welt. Außerdem lehnte ihre Mutter sie ab, weil sie sich einen Sohn gewünscht hatte. Schon früh zeigte sich Camilles bildhauerisches Talent, und sie durchlief auch eine entsprechende Ausbildung. Später lernte sie den Bildhauer Auguste Rodin kennen, wurde erst seine Schülerin und dann seine Geliebte. Die Beziehung war jedoch von Beginn an problematisch, war unterbrochen durch ein kurzes Verhältnis mit dem Komponisten Claude Debussy und endete schließlich wegen Rodins notorischer Untreue. Anschließend zeigte Camille zunehmend psychische Unregelmäßigkeiten und entwickelte eine ausgeprägte Paranoia. Das „Nicht-Verhältnis“ zu ihrer Mutter dürfte bei dieser Erkrankung eine Rolle gespielt haben. Diese erwirkte schließlich auch zusammen mit Camilles Bruder Paul im Jahr 1913 die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt, die Camille bis zu ihrem Tod im Jahr 1943 nicht mehr verließ. Während dieser Zeit hatte sie auf entsprechende Anweisungen ihrer Mutter so gut wie keine Kontakte zu anderen Menschen. Dabei dürften Camilles unerwünschtes Geschlecht, die für eine Frau „unschickliche“ Betätigung als freie Künstlerin und die „Schande“ der psychischen Erkrankung wesentliche Rollen gespielt haben.

Man muss diesen Hintergrund kennen, um die Choreographie zzu verstehen, denn Mei Hong Lin verzichtet auf eine chronologische oder anderweitig deutlich strukturierte Ordnung. Ihr geht es in erster Linie um die Perspektive von Camille Claudel und ihr Gefühlsleben. Außerdem bedient sie sich einer Rückblendetechnik. Camille Claudel, getanzt von Ana Sánchez Martinez, befindet sich zu Beginn als offensichtlich Kranke in einer Anstalt, gekleidet in einen weißen Anstaltskittel. Die Bilder ihres Lebens ziehen in ungeordneter, teilweise chaotischer Folge an ihr vorbei, und dabei tritt sie selbst in verschiedenen Verkörperungen auf: die junge, kreative Künstlerin (Veronica Bracaccini) und die bereits unter Wahnvostellungen leidende Camille (Sofia Romano). Der eigentliche tänzerische Part verteilt sich auf diese beiden letzteren, während Ana Sánchez Martinez sich auf die Körpersprache der bereits gebrochenen Persönlichkeit beschränken muss.

In zehn Szenen spielt Mei Hong Lin das Leben und Leiden Camille Claudels konsequent aus deren Blickwinkel durch. Dabei gehen die Szenen wie die Bilder eines Traums ineinander über. Ähnlich dürften die Obsessionen und Ängste einen psychisch kranken Menschen überfallen und sich miteinander vermischen. Da lösen intensive Erinnerungen an den fast unerträglichen Drang zur künstlerischen Selbstverwirklichung andere an schöne Momente ihrer Jugend ab, sehnsüchtige Tagträume von einer verzeihenden, liebenden Mutter überschneiden sich mit Bildern ihrer unglücklichen Liebe zu Auguste Rodin, und alle Szenen durchzieht mehr oder minder der wellenförmig anbrandende Verfolgungswahn. Dabei sind – von den drei Inkarnationen der Camille und von Auguste Rodin abgesehen – die Tänzer nicht immer eindeutig den Personen in Camilles Leben zuzuordnen. Mei Hong Lin erzählt keine wiedererkennbaren Geschichten von Menschen und Momenten, sondern sie zeigt die Umwelt der Camille, wie diese sie aus ihrer zunehmend verzerrten Phantasie wahrnimmt. Dabei geht es ihr weniger um eine Anklage gegen eine Gesellschaft, die maßgeblich zu dem Leid dieser Frau beigetragen hat, sondern um das Leid selbst. Logische, in sich schlüssige Szenen gehören nicht in ein solches Konzept.

Veronica Bracaccini (Camilles Kreativität), vorne mit EnsembleMei Hong Lin arbeitet in dieser Choreographie extensiv mit Musik und Sprache. Allerdings kommen beide aus dem elektronischen Archiv, die Tänzerinnen fügen diesen akustischen Elementen punktuell Schreie der Pein und des Aufbegehrens zu. Für die Musik ist Serge Weber zuständig. Gleich zu Beginn setzt expressive, aufbegehrende sinfonische Musik von Tschaikowsky ein Zeichen, spiegelt musikalisch die in Camilles Kopf aufquellenden Ängste wieder. Später dann setzt sich ein liedhaftes Motiv durch, das, meist vom Klavier vorgetragen, in verschiedenen, gerinfügig voneinander abweichenden Variationen immer wieder wie ein Leitmotiv die Choreographie begleitet. Unterbrochen werden diese teilweise recht eingängigen Musikstücke durch aufwallende Klangflächen, die, von unten kommend, sich aufschwingen zu unerträglich schrillen Klangspitzen und damit den Schmerz der jäh ausbrechenden Wahnvorstellungen widerspiegeln.

Mei Hong Lin kombiniert in dieser Choreographie Musik und Tanz auf beeindruckende Weise. Beide künstlerische Äußerungsformen bilden eine Einheit und verstärken sich gegenseitig. So drückt sich die schleichende Annäherung der Wahnvorstellungen durch Tänzergruppen in fleischfarbener Wäsche aus. Wie nackte Lemuren schlängeln sie sich in eng miteinander verwobenen Gruppen aus allen Ecken heran und fallen über Camille her. Diese Angstvorstellung wiederholt sich des Öfteren in verschiedenen Ausprägungen, und die vermeintliche Nacktheit wirkt verstörend und bedrängend. Jedes Mal steht eine der beiden Inkarnationen Camilles diesen schlangenartigen Gebilden gegenüber, meist die unter beginnenden Wahnvorstellungen leidende. Die andere Camille versucht, zusammen mit Auguste Rodin (Lee Bamford), der bei Mei Hong Lin das Vexierbild eines undurchdringliche Charakters darstellt, ihr Leben zu gestalten, doch die Umarmungen Rodins wirken stets vereinnahmend und eher mephistophelisch als männlich. Dem emotionalen Doppelspiel dieses Mannes ist Camille Claudel denn auch nicht gewachsen und flüchtet sich immer mehr in ihre verzerrte eigene Welt.

In etwas mehr als einer Stunde liefert Mei Hong Lins Tanztruppe ein intensiv-temporeiches und vielschichtiges Bild dieser Frau und ihres verunglückten Lebens. Schöne Bewegungen im Sinne des neoklassischen Tanzes sind hier nicht zu sehen, sondern höchst gespannte tänzerische Umsetzungen einer fieberhaften Psyche, die einen ganz eigenen, wahnhaften Eindruck von der Welt entwickelt. Selbst die raren poetischen Momente sind von einer lauernden Spannung unterlegt, die jederzeit zu einem Ausbruch zerreißen kann. Die Tänzer und Tänzerinnen bringen diese Ängste und Wahnvorstellungen mit ihrer Körpersprache eindrücklich und überzeugend zum Ausdruck. Ein Stück weit deutet diese Choreographie auch über Camille Claudel und ihr Schicksal hinaus auf die Grundsituation aller Künstler, die ihre hohe innere Spannung und Hingabe bezahlen mit einer Weltverlorenheit und existenziellen Unsicherheit, sei sie nun – nur – finanziell oder emotional.

Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert und spendete jubelnden Beifall..

Weitere Aufführungen am 26. Dezember sowie am 2., 4., 11., 18. und 25. Januar

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller
 

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