Alina Bronsky: „Und du kommst auch drin vor“

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Die pubertierende Kim besucht mit ihrer Schulklasse eine Autorenlesung, eine Veranstaltung, die normalerweise gähnende Langeweile auslöst und mit dem Smartphone unter dem Tisch kompensiert wird. Doch Kim schreckt plötzlich auf, als sie aus dem Mund der selbst lesenden Autorin ihr eigenes Leben hört. In dem Roman geht es um ein junges Mädchen, dessen Eltern sich trennen und deren Mutter daraufhin seltsame Gewohnheiten entwickelt. Ihre Freundin ist dominant und kennt sich im Leben aus. Das alles trifft auf Kim zu, mit kleinen Varianten, aber erschreckend kongruent. Beunruhigt kauft sie sich das Buch, um – hoffentlich vergeblich! – nach weiteren Übereinstimmungen zu suchen.

Doch sie wird enttäuscht, denn während der Lektüre bestätigen sich weitere Parallelen. Die im Buch vorgestellte neue Freundin des Vaters gibt es tatsächlich, deren Bauch sich wie im Buch rundet, und die Mutter durchläuft ebenso verschiedene Stadien wie im Buch. Auch Kims Freundin Petrowna, die aus einem russlanddeutschen Haushalt stammt und von Kims Eltern als nicht kompatibel mit der eigenen Lebensart betrachtet wird, beunruhigt die Übereinstimmung zwischen Fiktion und Realität, zumal sie selbst in leicht abgewandelter Form auch darin vorkommt. Das größte Problem stellt jedoch der fiktive Klassenkamerad dar, der sich in die Protagonistin unglücklich verliebt und am Ende tragisch an einer Allergie stirbt. Da auch Kims Klassenkamerad Jasper sich ohne Gegenliebe in sie verguckt, befürchtet Kim das Schlimmste und fühlt sich schuldig an Jaspers möglichem Tod.

Zusammen entwickeln die beiden Mädchen einen Plan, das Schlimmste zu verhindern. Petrowna schlägt Kim vor, ihr Leben radikal zu ändern, um die Deckungsgleichheit mit dem Roman aufzuheben. Gleichzeitig kontaktiert Kim die Autorin und bittet sie händeringend aber vergeblich, das Buch umzuschreiben. Was einmal gedruckt und veröffentlicht ist, ist damit zur „fiktionalen Realität“ geworden.

Wie Kim und Petrowna es schließlich schaffen, das Unheil abzuwenden, wollen wir hier nicht vorab verraten, aber da es sich um ein Jugendbuch handelt, kann man zu Recht von einem guten Ende ausgehen.

Die Autorin spielt in ihrem Roman zu Einen geschickt und mit einiger Phantasie mit den Überschneidungen von Fiktion und Realität, wobei sie durch die leichten Abwandlungen andeutet, dass sich die angeblichen Übereinstimmungen im Rahmen einer alterstypischen Dramatisierung hauptsächlich in Kims Kopf abspielen könnten. Doch dieses Spiel mit dem literarischen Genre ist nur ein amüsanter Aspekt des Romans. Alina Bronsky gelingt es vor allem, die Lebenswelt, die Probleme und die Sprache der Jugendlichen authentisch wiederzugeben. Keinen Augenblick lang hat man das Gefühl, dass sich die Autorin um aufgesetzte Jugendsprache bemüht. Die Sprache fließt ihren Personen ganz natürlich aus dem Kopf und wirkt durchgehend glaubwürdig. Dabei beweist Alina Bronsky auch viel Witz, wenn sie typische Klassensituationen oder Beziehungsprobleme schildert. Dieser Witz geht jedoch nie auf Kosten der Personen, sondern bezieht sich lediglich auf Situationen, wie sie wohl jeder Leser aus seiner eigenen Jugend kennt – oder von seinen Kindern. Auch auf den pädagogisch-moralischen Zeigefinger verzichtet Alina Bronsky konsequent. Die Schwächen ihrer jugendlichen Protagonisten sind alterstypisch und auf mangelnde Lebenserfahrung zurückzuführen, also sollte man sie nicht aus der Sicht der Erwachsenen belächeln. Die Autorin nimmt ihre Figuren in jedem Augenblick der Handlung ernst und verleiht ihnen dadurch Authentizität.

Das Hörbuch eignet sich nicht nur für Jugendliche sondern auch – und vor allem – für Eltern von Kindern in diesem Alter. Jasna Fritzi Bauer liest den in Ich-Form aus Kims Perspektive geschriebenen Roman auf sehr jugendliche Weise, so dass man ihr unmittelbar das halbwüchsige Mädchen abnimmt und mit ihr leidet.

Das Hörbuch ist im Verlag Hörbuch Hamburg erschienen, umfasst drei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 216 Minuten und kostet 14,99 Euro.

Frank Raudszus

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